Ziel

Tradierte Deutungshoheiten durchlöchern

Ein Spaziergang leistet insbesondere dann einen wertvollen Betrag in Beteiligungsprozessen, wenn es dabei gelingt, einen möglichst offenen Gedankenraum zu schaffen.

Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, lediglich eine bisherige Sichtweise durch eine andere (die eigene) Perspektive auszuwechseln oder das eigene Projekt »zu verkaufen«. Für die jeweils einzelnen Stationen des Spaziergangs darf das durchaus sein, ist vielleicht sogar nötig, um die jeweiligen Positionen zu verdeutlichen.

Der Spaziergang im Ganzen sollte hingegen gerade aber auch sich entgegen stehende Argumentationen gleichermaßen als »Wahrheiten« einer komplexen Realität erkennbar werden lassen und die Teilnehmer /innen dazu ermutigen, ihren persönlichen Standpunkt zu finden.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Letztlich mündet dies in der Frage: Wie können Deutungshoheiten perforiert werden?

Drei nachfolgend beschriebene Positionen sollen hierzu verschiedene Haltungen aufzeigen:

  • Das in Zürich realisierte Projekt »Kunstpassanten« zeigte elf Künstler-Arbeiten, bei denen es sich durchweg um Spaziergänge handelte. Das Konzept der »Ausstellung« sah vor, dass die eingeladenen Künstler für die Ausarbeitung ihres Spaziergangs einen Einwohner oder eine Einwohnerin ihrer Wahl als »Experte« oder »Expertin« hinzuziehen.
    Der Künstler San Keller jedoch störte sich an dem Begriff Experte. Er vertritt die Auffassung, jeder Bewohner der Stadt ist ein Experte. In der Konsequenz sprach Keller dann alle Teilnehmer/innen als Expert/innen an und bat sie um Vorschläge für aufzusuchende Orte und für Gesprächsthemen.
    Er selbst gab weder eine Route noch Orte oder Themen vor. Die Kuratorinnen Maren Brauner und Irene Grillo beschrieben es so:
    »San Keller setzte sich selbst eben nicht in eine besondere Rolle, etwa als Autor des Spaziergangs, sondern er akzeptierte sehr konsequent die Beiträge in der Art, wie diese eingebracht wurden. Darüber wurde auch deutlich, was für unterschiedliche Blickwinkel auf die Stadt existieren.«
  • Ähnlich argumentiert die österreichische Stadtforscherin Elke Krasny.
    Der von ihr in die Diskussion eingebrachte Narrative Urbanismus »geht den umgekehrten Denkweg. Es sind nicht die Stadtplaner/innen, die Instrumente und Methoden entwickeln, um Bürger/innen die Möglichkeit der Partizipation zu gewähren, sondern es sind Bürger/innen, die die Planer/innen an ihrem Wissen um die Stadt partizipieren lassen. Indem die Perspektive, wer wem zuhört, verschoben wird, ändern sich die Verhältnisse.« (Krasny 2008, S. 38)
  • Eine hiervon etwas differenzierte Position beschreibt der Planer Carl Zillich, der über einige Jahre für die Bundesstiftung Baukultur dialogische Spaziergänge organisierte.
    Bei diesen stand der Dialog mit dem Andersdenkenden im Zentrum. Auch hier wurden die sogenannten Laien als Experten angesprochen, nämlich als Nutzer.
    Doch im Grundsatz sollte bei diesen Walks nicht jeder mitreden, sondern »die Teilnehmenden sollten wohldosiert erfahren, wie widersprüchlich und ohne Wahrheitsanspruch Baukultur sein kann«. Zillich betont, dass es eben eine gewisse Erfahrung braucht, um mit einem wortgewandten Planer oder Politiker auf Augenhöhe mithalten zu können. Daher gälte es, die »Laien« eben entsprechend auszuwählen, »damit die Nutzerkompetenz auch wirklich rüberkommt und nicht belächelt wird«.
    Den Dialog auf der Straße zu führen, hilft ebenfalls die Distanz zwischen den Welten zu minimieren. Dann bleibt der Fachjargon eher außen vor und alle befinden sich gleichermaßen mitten im Geschehen. Das ermöglicht die »Begegnung zwischen geplanter Ästhetik und den vielen anderen Einflüssen, zu denen auch Betroffenheit gehört, wie sie auf dem Spaziergang weitestgehend nachvollzogen werden kann. Wir wollen zeigen, an wie viel wir uns im Alltag schon gewöhnt haben und wo ein Perspektivwechsel dringend nötig ist.« (Weisshaar/Zillich 2012, S. 100 ff.).
Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Ein entscheidender Punkt bei der Gestaltung eines Spaziergangs ist die Auswahl der Orte, die aufgesucht werden. Auch deren Abfolge und wie man sich den jeweiligen Orten nähert, ist ganz wesentlich.

Die vermittelten Informationen und Diskurse treffen zusammen mit dem individuellen »Einsammeln von Eindrücken« entlang des Spaziergangs. Die ausgesuchten Orte müssen also auch für die behandelten Themen von Relevanz sein, sonst bringt deren Aufsuchen in diesem Zusammenhang keinen Mehrwert. Das gerade charakterisiert das Medium Spaziergang: Die mittels der Sprache vermittelten Hinweise und Inhalte sind die eine Hälfte, die andere Hälfte liefert das Aufsuchen des Ortes und die eigene Anwesenheit und Bewegung im konkreten Raum.

Vor diesem Hintergrund ist auch das noch relativ neue Medium AudioGuide eine hilfreiche Ergänzung in Diskursen zur Stadtentwicklung. Mit individuellem Tempo kann der »SpazierHörer« dabei mittels Kopfhörer den zuvor entlang des Weges aufgezeichneten Gesprächen folgen. Und wieder trifft hier die gehörte Information mit der eigenen Präsenz am Ort zusammen.