Methodenbeschreibung

»Die Verschlechterung unserer Umwelt ist nichts anderes als die Summe dessen, was bei der Planung als unwesentlich unter den Tisch fiel.« Lucius Burckhardt, 2004

Dialogische Spaziergänge – eine Art Talk Show in Fortbewegung – bringen die Diskurse zu Baukultur, zu Stadt- und Landschaftsentwicklung an konkrete Orte. Die entlang des Spaziergangs vermittelten Informationen treffen zusammen mit eigenem sinnlichen und räumlichen Erleben.

Für die Gestaltung von Beteiligungsprozessen liefert die Spaziergangswissenschaft vielfältige Anregungen. Die manchmal auch Promenadologie genannte, künstlerische Forschungsmethode wurde von dem Soziologen Lucius Burckhardt (1925–2003) in den 1980er-Jahren an der Universität Kassel im Kontext des integrierten Studiengangs Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung kreiert. Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen setzte sich Burckhardt kritisch mit Planung und Stadtentwicklung auseinander und fand dafür eingängige Titel, wie etwa »Der kleinstmögliche Eingriff. Wer plant die Planung?«, »Design ist unsichtbar« oder auch »Warum ist Landschaft schön?« Stets ging es ihm um die gesellschaftlichen Verhältnisse, die hinter den sichtbaren Erscheinungen unserer gebauten Lebenswelt stehen. Diese »verborgenen« Strukturen prägen den Ablauf und das Ergebnis von Planungsprozessen nicht weniger als die in öffentlichen Diskursen stets bemühten Fakten und »Sachzwänge« – davon war Burckhard überzeugt. Er verdeutlichte dies beispielsweise mit dem Hinweis, dass eben jene Straßenbahn ein gutes Design habe, die auch Nachts noch fährt.

Schon mit der Frage nach dem Problem wird eine wichtige Vorentscheidung getroffen: »Eine erste determinierende Kraft liegt in der Benennung des Übelstandes« – wem es demnach gelingt, ein Problem zu erfassen und auch vermag, dieses in die öffentliche und politische Wahrnehmung zu heben, der übt dadurch schon einen wesentlichen Einfluss aus auf die weitere Entwicklung einer Stadt. Probleme gibt es allerorten stets viele – entscheidend ist, welche Übelstände aufgegriffen werden und welche unberücksichtigt liegen bleiben. Denn auch alle Probleme, die im öffentlichen Diskurs »unter den Tisch« fallen, wirken weiterhin auf unsere Lebenswelt ein.

Hier setzt die Spaziergangswissenschaft an. Sie will vom bloßen Sehen zum Erkennen führen. Sie geht dazu unmittelbar hinein in die Stadt, die ja dreidimensional und komplex ist (analog verhält es sich mit Landschaft), wo die sichtbare Welt überlagert ist von unsichtbarem Design. Letzteres artikuliert sich beispielsweise in Wartezeiten an Ampeln, in Taktzeiten des öffentlichen Verkehrs oder im Parkraummanagement. Diese Melange aus sichtbarem und unsichtbarem Design kann nur mit allen Sinnen und im konkreten Raum erspürt werden. Genau dies leistet der promenadologische Spaziergang – im Sinne einer unmittelbaren und offenen Wahrnehmung und Reflexion der gebauten Umwelt.

Formate in Fortbewegung

Gehen ist nach wie vor die einfachste Art, sich eine Stadt oder Landschaft zu erschließen. Viele tun dies auf nicht alltägliche Weise: Arttours, Audio-Walks, BaukulTOURen, Dialogische Spaziergänge, Dérives, Konzeptspaziergänge, promenadologische Spaziergänge, Silent Walks, Stadtsafaries, Talk Walks – die Liste der Formate, die sich »in Fortbewegung« durch den Raum mit der Gestalt und der Wahrnehmung des Raumes und der Entwicklung von Stadt und Landschaft auseinandersetzen, wird vielfältiger. Dabei – und das ist nicht zu verwechseln – geht es nicht um das Gehen an sich. Es geht um ein Gehen, das zu einem anderen Blick, zu einem wacheren Zustand, zu einem geweiteten Denken führt.

Grundlage solcher Formate in Fortbewegung ist das unmittelbare Erleben ausgewählter Orte. Erst dieses Erleben erschließt die Wahrnehmung der unterschiedlichen Räume und deren Atmosphären.

»Eine Atmosphäre muss man spüren. Das setzt leibliche Anwesenheit voraus, sei es nun, dass man eine Landschaft oder einen Raum aufsuchen oder sich der Ausstrahlung eines Kunstwerkes aussetzen muss.« (Böhme 2006, S. 49) Wissenschaftlich lassen sich Atmosphären nur recht vage fassen: »Atmosphären scheinen von Gruppen von Menschen in gleicher Weise wahrgenommen zu werden, deshalb sind sie jedenfalls noch lange nicht universell«. (Löw 2001, S. 209)

Unabhängig von dem Problem der begrifflichen Bestimmung durch die Wissenschaft, spielt die Atmosphäre in der alltäglichen Umgangssprache und in der Beurteilung einer Stadt durch deren Bewohner/innen oder Besucher/innen eine große Rolle.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Atmosphären markieren wichtige Aspekte der Lebenswirklichkeit. Die meist unbewusste Wahrnehmung der Atmosphären hat großen Einfluss darauf, ob Orten eine positive Aufenthalts- und Erlebnisqualität zugesprochen wird oder ob sie eher als Unorte abgelehnt werden.

»Die Erfahrung dieser Atmosphären im Alltag geschieht beiläufig, sie ist meist unbewusst und doch von großer Wirkung. Die Atmosphäre verleiht uns eine Grundstimmung und beeinflusst uns gerade deshalb, weil wir nicht spezifisch auf sie achten.« Böhme 2006, S. 50

Auch bei umstrittenen Bauprojekten spielen Atmosphären eine Rolle. So werden beispielsweise Planungen mitunter mit dem Vorwurf konfrontiert, diese würden zu keinen gewachsenen Strukturen führen und die später einmal realisierten Bauten würden dann eben Atmosphäre vermissen lassen. Da aber Atmosphären letztlich nicht wissenschaftlich gefasst werden können – schon gar nicht im Vorhinein –, lässt sich über solche auch nur schwer streiten oder abstimmen. Dennoch muss man sich darüber verständigen.

Dialogische Spaziergänge

Dialogische Spaziergangsveranstaltungen – zum Beispiel in Form von Talk Walks, einer Art »Talk-Show in Fortbewegung« – leisten einen spezifischen Beitrag zu Beteiligungsprozessen. Entlang der Route kommen »lokale Experten« zu Wort. Dies können sowohl Planer oder Vertreter aus der Stadtverwaltung sein, ebenso aber auch Vertreter/innen von örtlichen Initiativen oder Einrichtungen – die also die Nutzer-Perspektive eloquent vermitteln können.

Während des Walks geht es nicht darum, eine vermeintlich endgültige Lösung eines Problems zu finden oder darüber gar abzustimmen. Dafür bietet ein Spaziergang nicht den erforderlichen Rahmen. Vielmehr lassen sich mittels des Walks die im Raum stehenden Fragen weiter zuspitzen.

Der spezifische Beitrag der Talk Walks besteht darin, dass diese das Reden über das Planen und Bauen und öffentliche Aufmerksamkeit an konkrete Orte bringen, beispielsweise an Projekt-Orte, die auf markante oder stellvertretende Weise eine Position und Haltung der geführten Diskussionen veranschaulichen oder überprüfen lassen. Kommt dabei ein mobiler Verstärker oder eine Personenführungsanlage (Kopfhörer & Funkempfänger) zum Einsatz, sind die Gespräche entlang des Weges auch für eine größere Teilnehmer/innen-Gruppe gut hörbar.

In einer eventuell abschließenden Talk-Runde können die Beobachtungen entlang der zurückgelegten Route jeweils gemeinsam reflektiert oder auch kritisch hinterfragt werden.

Tradierte Deutungshoheiten durchlöchern

Ein Spaziergang leistet insbesondere dann einen wertvollen Betrag in Beteiligungsprozessen, wenn es dabei gelingt, einen möglichst offenen Gedankenraum zu schaffen.

Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, lediglich eine bisherige Sichtweise durch eine andere (die eigene) Perspektive auszuwechseln oder das eigene Projekt »zu verkaufen«. Für die jeweils einzelnen Stationen des Spaziergangs darf das durchaus sein, ist vielleicht sogar nötig, um die jeweiligen Positionen zu verdeutlichen.

Der Spaziergang im Ganzen sollte hingegen gerade aber auch sich entgegen stehende Argumentationen gleichermaßen als »Wahrheiten« einer komplexen Realität erkennbar werden lassen und die Teilnehmer /innen dazu ermutigen, ihren persönlichen Standpunkt zu finden.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Letztlich mündet dies in der Frage: Wie können Deutungshoheiten perforiert werden?

Drei nachfolgend beschriebene Positionen sollen hierzu verschiedene Haltungen aufzeigen:

  • Das in Zürich realisierte Projekt »Kunstpassanten« zeigte elf Künstler-Arbeiten, bei denen es sich durchweg um Spaziergänge handelte. Das Konzept der »Ausstellung« sah vor, dass die eingeladenen Künstler für die Ausarbeitung ihres Spaziergangs einen Einwohner oder eine Einwohnerin ihrer Wahl als »Experte« oder »Expertin« hinzuziehen.
    Der Künstler San Keller jedoch störte sich an dem Begriff Experte. Er vertritt die Auffassung, jeder Bewohner der Stadt ist ein Experte. In der Konsequenz sprach Keller dann alle Teilnehmer/innen als Expert/innen an und bat sie um Vorschläge für aufzusuchende Orte und für Gesprächsthemen.
    Er selbst gab weder eine Route noch Orte oder Themen vor. Die Kuratorinnen Maren Brauner und Irene Grillo beschrieben es so:
    »San Keller setzte sich selbst eben nicht in eine besondere Rolle, etwa als Autor des Spaziergangs, sondern er akzeptierte sehr konsequent die Beiträge in der Art, wie diese eingebracht wurden. Darüber wurde auch deutlich, was für unterschiedliche Blickwinkel auf die Stadt existieren.«
  • Ähnlich argumentiert die österreichische Stadtforscherin Elke Krasny.
    Der von ihr in die Diskussion eingebrachte Narrative Urbanismus »geht den umgekehrten Denkweg. Es sind nicht die Stadtplaner/innen, die Instrumente und Methoden entwickeln, um Bürger/innen die Möglichkeit der Partizipation zu gewähren, sondern es sind Bürger/innen, die die Planer/innen an ihrem Wissen um die Stadt partizipieren lassen. Indem die Perspektive, wer wem zuhört, verschoben wird, ändern sich die Verhältnisse.« (Krasny 2008, S. 38)
  • Eine hiervon etwas differenzierte Position beschreibt der Planer Carl Zillich, der über einige Jahre für die Bundesstiftung Baukultur dialogische Spaziergänge organisierte.
    Bei diesen stand der Dialog mit dem Andersdenkenden im Zentrum. Auch hier wurden die sogenannten Laien als Experten angesprochen, nämlich als Nutzer.
    Doch im Grundsatz sollte bei diesen Walks nicht jeder mitreden, sondern »die Teilnehmenden sollten wohldosiert erfahren, wie widersprüchlich und ohne Wahrheitsanspruch Baukultur sein kann«. Zillich betont, dass es eben eine gewisse Erfahrung braucht, um mit einem wortgewandten Planer oder Politiker auf Augenhöhe mithalten zu können. Daher gälte es, die »Laien« eben entsprechend auszuwählen, »damit die Nutzerkompetenz auch wirklich rüberkommt und nicht belächelt wird«.
    Den Dialog auf der Straße zu führen, hilft ebenfalls die Distanz zwischen den Welten zu minimieren. Dann bleibt der Fachjargon eher außen vor und alle befinden sich gleichermaßen mitten im Geschehen. Das ermöglicht die »Begegnung zwischen geplanter Ästhetik und den vielen anderen Einflüssen, zu denen auch Betroffenheit gehört, wie sie auf dem Spaziergang weitestgehend nachvollzogen werden kann. Wir wollen zeigen, an wie viel wir uns im Alltag schon gewöhnt haben und wo ein Perspektivwechsel dringend nötig ist.« (Weisshaar/Zillich 2012, S. 100 ff.).
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Ein entscheidender Punkt bei der Gestaltung eines Spaziergangs ist die Auswahl der Orte, die aufgesucht werden. Auch deren Abfolge und wie man sich den jeweiligen Orten nähert, ist ganz wesentlich.

Die vermittelten Informationen und Diskurse treffen zusammen mit dem individuellen »Einsammeln von Eindrücken« entlang des Spaziergangs. Die ausgesuchten Orte müssen also auch für die behandelten Themen von Relevanz sein, sonst bringt deren Aufsuchen in diesem Zusammenhang keinen Mehrwert. Das gerade charakterisiert das Medium Spaziergang: Die mittels der Sprache vermittelten Hinweise und Inhalte sind die eine Hälfte, die andere Hälfte liefert das Aufsuchen des Ortes und die eigene Anwesenheit und Bewegung im konkreten Raum.

Vor diesem Hintergrund ist auch das noch relativ neue Medium AudioGuide eine hilfreiche Ergänzung in Diskursen zur Stadtentwicklung. Mit individuellem Tempo kann der »SpazierHörer« dabei mittels Kopfhörer den zuvor entlang des Weges aufgezeichneten Gesprächen folgen. Und wieder trifft hier die gehörte Information mit der eigenen Präsenz am Ort zusammen.

Literatur und Links

  • Böhme, Gernot (2006): Architektur und Atmosphäre, Paderborn.
  • Burckhardt, Lucius (2004): Wer plant die Planung? Architektur, Politik und Mensch. Berlin.
  • Krasny, Elke (2008): »Narrativer Urbanismus oder die Kunst des City-Telling«. In: Krasny, Elke/ Nierhaus, Irene (Hrsg): Urbanografien. Stadtforschung in Kunst, Architektur und Theorie. Berlin.
  • Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main.
  • Weisshaar, Bertram/Zillich, Carl (2012): »Der dialogische Spaziergang. BaukulTOUREN der Bundesstiftung Baukultur«. In: Weisshaar, Bertram (Hrsg.): Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung. Berlin.
  • Weisshaar, Bertram (Hrsg.) (2013): Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung. Berlin.
  • www.talk-walks.de
  • www.atelier-latent.de