Praxisbeispiel Kein Kies zum Kurve kratzen

Neuer Armut entgegenwirken

»Das Stück hat mich richtiggehend emotional hineingezogen, ich habe mehr begreifen können, worum es bei dem Thema geht – sonst haben wir es mit Papieren und Statistiken zu tun, aber auf diese Art kann man das viel besser verstehen, worum es geht.«
Ein Nationalratsabgeordneter nach der Aufführung

Hintergrund für das Projekt war das zunehmende Auseinanderklaffen von Arm und Reich: Im Jahr 2007, zu Projektstart, verfügten knapp zehn Prozent der steirischen Bevölkerung über zwei Drittel des gesamten Vermögens, während 150.000 Steirer und Steirerinnen (12,5 Prozent) unter der Armutsschwelle und rund 70.000 davon in akuter Armut lebten.

Die Steiermärkische Landesregierung formulierte im Regierungsübereinkommen Armutsbekämpfung als politisches Ziel. Genau dazu wollte das Projekt in einem kreativen, dialogischen und partizipativen Prozess Vorschläge entwickeln. Dabei sollten vor allem jene ihre Anliegen und Interessen vertreten und mit ihrer Stimme sprechen, die über keine Lobby verfügen und am politischen und kulturellen Leben sonst nur wenig partizipieren (Wrentschur 2010).

Das Projekt verfolgte das Ziel, auf kreative Weise Vorschläge zur Armutsbekämpfung und -vermeidung zu entwickeln und auf unterschiedlichen Ebenen zur gesellschaftlichen und politischen Partizipation sowie zur gemeinsamen Lösungssuche anzuregen.

Es richtete sich in besonderem Maße an Menschen, die über Erfahrungen mit finanziellen Notlagen verfügten, die armutsgefährdet oder akut arm waren: Ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit prekären Situationen, mit finanziellen Notlagen oder der Armuts­spirale bilden einen wesentlichen inhaltlichen Kern des Projekts.

Das Projekt richtete sich auch an die Öffentlichkeit: Über interaktive Forumtheateraufführungen wurden Menschen zur aktiven Beteiligung am Spielgeschehen angeregt und dazu eingeladen, gemeinsam Lösungs- und Veränderungsideen auf individueller Handlungs- und politischer Strukturebene zu entwickeln. Die Zuschauer/innen konnten sich über Einstiege spielerisch ins szenische Geschehen einschalten, um alternative Handlungsmöglichkeiten zu erproben, sie konnten aber auch Vorschläge formulieren, die sich an gesellschaftliche und politische Verantwortungsträger/innen und Institutionen richten.

Das Projekt zielte aber auch darauf ab, mit den Aufführungen die Räume politischer und behördlicher Verantwortungsträger/innen zu bespielen und damit die Diskussionen zur Umsetzung der Vorschläge dort stattfinden zu lassen.

Betroffene im Dialog mit Politik und Verwaltung

Nach der Vernetzung mit einschlägigen sozialen Einrichtungen und NGOs, Behörden und politischen Verantwortungsträger/innen stand die Einbeziehung der Menschen mit Erfahrung in finanziellen Notlagen im Vordergrund. In mehrtägigen Theaterworkshops brachten sie ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Geschichten zum Thema »(Neue) Armut« und ihre Anliegen und Lösungsideen zum Ausdruck.

Die in den Workshops entwickelten theatralischen Bilder und Szenen wurden zum Grundstein für den Inhalt und die Szenenfolge der Forumtheaterstücke »Kein Kies zum Kurven Kratzen« und »Kein Kies zum Kurven Kratzen_RELOADED«, die von einigen der armutserfahrenen Workshopteilnehmer/innen in einem mehrwöchigen Probenprozess erarbeitet und von ihnen selbst dargestellt wurden.

An der Stückentwicklung wirkten zudem weitere Betroffene und Fachleute mit, um – neben der emotionalen, authentischen und ästhetisch anregenden Gestaltung einer Forumtheaterproduktion – einen hohen Grad an Realitätsnähe und Faktizität zu erreichen. Die bei den interaktiven Aufführungen gewonnenen Anliegen und Vorschläge wurden in der Folge inhaltsanalytisch ausgewertet und zu weiteren Betroffenen aus dem Netzwerk des Projekts und dem Projektbeirat rückgekoppelt, hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit diskutiert und zum Teil re-formuliert.

In einem nächsten Schritt wurden diese mit Hilfe des Forumtheaters an jene Orte gebracht, wo politische, administrative und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden, um einen Dialog zwischen Entscheidungsträger/innen und armutsbetroffenen oder armutsgefährdeten Menschen zu eröffnen (vgl. Wrentschur 2008b, 2010, 2011). So hat es Aufführungen im Landhaus Steiermark (2008), im Rathaus Graz (2009), beim Arbeitsmarktservice (2008 und 2011) sowie im Parlament (2010) gegeben.

Was wurde erreicht?

Mehr als 90 (Mit-)Veranstalter/innen haben das Projekt mitgetragen und über 50 interaktive Aufführungen des Forumtheaterstücks »Kein Kies zum Kurven Kratzen« in allen Bundesländern Österreichs und in Südtirol ermöglicht.

Mehr als 3000 Menschen wirkten bei diesen Aufführungen mit und intervenierten dabei rund 250-mal in das Spielgeschehen. Zahlreiche auf diese Weise entstandene Handlungsideen fanden auch im »wirklichen Leben« Anwendung. Ein Beispiel ist die Idee, sich zu Terminen bei Sozialamt oder AMS von einer zweiten Person begleiten zu lassen.

Zahlreiche Impulse zur Enttabuisierung, Bewusstseinsbildung und zu einem wirkungsvollen öffentlichen Diskurs über Armut wurden gegeben – gemeinsam mit Betroffenen.

Über 300 verschiedene Vorschläge und Lösungsideen wurden formuliert, um Armut entgegenzuwirken.

Politische Wirkungen:

  • Abschaffung der Regresspflicht bei der offenen Sozialhilfe in der Steiermark (2008),
  • die Einrichtung eines eigenen Unterausschusses zum Sozialausschuss, in dem jene Anliegen und Vorschläge des Projekts beraten wurden, die sich auf die Steiermärkische Landesgesetzgebung bezogen (2009),
  • die Aufnahme einiger Ideen in das »Grazer Aktionsprogramm gegen Armut« (2009/2010)
  • sowie Aufführungen und Gespräche mit Führungskräften des österreichischen Arbeitsmarktservice (2008 bis 2011).
  • 2010 wurde das Projekt mit dem 1. Preis der SozialMarie (www.sozialmarie.org), eine österreichische Auszeichnung für soziale Innovationen, prämiert.

Literatur und Links

  • Gangl, Silvia »Phoenix«/Wrentschur, Michael (2011): Die Stimme der AdressatInnen und szenisch-partizipatives Forschen in der Sozialen Arbeit. In: Mikula, Regina/ Kittl-Satran, Helga (Hrsg.): Dimensionen der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Graz, S. 51–68.
  • Kein Kies zum Kurven Kratzen Reloaded: (2010) Endbericht (pdf).
  • Schriefl, Ulrike (2007): »... und wenn Theater die Armut sichtbar macht?« - Das Forumtheater als Instrument einer Öffentlichkeitsarbeit im Kontext der Sozialen Arbeit am Beispiel der Forumtheateraufführungen »Kein Kies zum Kurven Kratzen«, Diplomarbeit am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz.
  • Wrentschur, Michael (2008a): Kein Kies zum Kurven Kratzen – Neuer Armut entgegenwirken. Ein Projekt zur kreativen Beteiligung von Armutsbetroffenen. In: Knapp, Gerald/ Pichler, Heinz (Hrsg): Armut, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Perspektiven gegen Armut und soziale Ausgrenzung in Österreich. Klagenfurt/Ljubljana/Wien, S. 692–723.
  • Wrentschur, Michael (2008b): Theater an die Macht. Neuer Armut entgegenwirken. Ein aktuelles Beispiel für partizipativ-politische Theaterarbeit. In: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, Jahrgang 24, Heft 53, S. 76–80.
  • Wrentschur, Michael (2010): Neuer Armut entgegenwirken: Politisch-partizipative Theaterarbeit als kreativer Impuls für soziale und politische Partizipationsprozesse. In: Felbinger, Andrea/ Pilch-Ortega, Angela/ Mikula, Regina / Egger, Rudolf (Hrsg.): Macht – Eigensinn – Engagement. Lernprozesse gesellschaftlicher Teilhabe, Münster, S. 211–232.
  • Wrentschur, Michael (2011): Theater an die Macht: Neuer Armut entgegenwirken - bis ins Parlament! In: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik, Jahrgang 27, Heft 58, S. 55–58.
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