Praxisbeispiel Malstatt – Gemeinsam stark

Die Aktivierung von Bürgerengagement blickt in Saarbrücken-Malstatt auf eine lange Tradition zurück. Seit 1979 initiiert und unterstützt die Gemeinwesenarbeit (GWA) Nachbarschaftsinitiativen. Mit dem Projekt »Grüne Insel Kirchberg« und der ressortübergreifenden Erarbeitung eines Stadtteilentwicklungskonzepts (Landeshauptstadt Saarbrücken 2010) hat das Beteiligungsgeschehen einen Qualitätsschub erfahren. Mit dem Projekt »Bottom-up!« sollten die verschiedenen Beteiligungsprozesse zusammengeführt und verstetigt werden.

Saarbrücken-Malstatt gilt als sozial benachteiligter Stadtteil. Besonders im Kern des Stadtteils, einem ehemaligen Industriearbeiter-Quartier, sind viele der rund 13.700 Bewohnerinnen und Bewohner arbeitslos und auf sozialstaatliche Unterstützung angewiesen.

Mehr als 40 % der Bevölkerung sind Einwanderer aus über 120 Ländern oder haben Einwanderer als Eltern. Außerdem gibt es einen überproportional hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen, von denen fast die Hälfte in Armutsverhältnissen aufwächst. Dies alles prägt den Charakter und das Erscheinungsbild des Quartiers.

Konkrete Ziele

Engagierte Bewohner/innen und aktive Gruppen, die bereits im Projekt »Grüne Insel Kirchberg« aktiv waren, hatten sich zu Beginn des Prozesses zum Ziel gesetzt, als Stadtteilinitiative »Malstatt – gemeinsam stark«(MaGS) ihre Aktivitäten thematisch auszuweiten und mehr Mitstreiter/innen für ihre Aktivitäten zu gewinnen.

Konkret bedeutete das:

  • Bereits aktive Personen sollten in ihrem Engagement gestärkt und bislang nicht Beteiligte dafür gewonnen werden, aktiv an der Gestaltung des Stadtteils mitzuwirken.
  • In einem demokratischen Prozess sollte die Basis für den Aufbau einer selbsttragenden, unabhängigen Stadtteilorganisation gelegt werden.
  • Mittelfristig sollte hiermit die Voraussetzung zur dauerhaften Vertretung und Organisierung von Stadtteilinteressen geschaffen werden.

Prozessbeschreibung

Zentraler methodischer Ansatz des Projektes war und ist – neben dem Einsatz Neuer Medien – die Umsetzung von »Community Organizing (CO)«. CO zielt in vier Schritten auf die systematische Einbeziehung einer möglichst großen Anzahl von Menschen auf lokaler Ebene, um positive Veränderungen im Stadtteil zu bewirken. Konkret heißt das:

1. Zuhören ⇒ 2. Nachforschen ⇒ 3. Problem lösen ⇒ 4. Organisation aufbauen.

Zentrale Unterschiede zur bisherigen Praxis in der Gemeinwesenarbeit (GWA) bestehen dabei vor allem auf zwei Ebenen:


1) Nichts für die Leute tun, sondern zum Selbermachen aktivieren

Im Unterschied zum Alltag bisheriger GWA, in der mehrheitlich Hauptamtliche anwaltschaftlich für »Betroffene« Konzepte entwickeln, übernehmen in MaGS Bürger/innen zunehmend selbst Verantwortung für den Beteiligungsprozess. Sie führen beispielsweise Befragungen durch, um zu erfahren, was die Menschen gerne verändern würden. Dies dient als Basis für weitere Aktivitäten, wie z.B. eine Stadtteilversammlung zu organisieren. Die Aktiven entwickeln so konkrete Projekte, erarbeiten Strategien wie etwa eine Kampagne für mehr Sauberkeit im Stadtteil. Die hauptamtliche Organizerin ist vor allem beratend im Hintergrund tätig und unterstützt die aktiven Bewohner/innen beispielsweise beim Einüben öffentlichen Auftretens durch Rollenspiele und bei »Generalproben« von Stadtteilversammlungen.

Im Ergebnis erleben die Aktiven, dass sie erfolgreich Probleme im Stadtteil lösen können: So kooperierte der kommunale Ordnungsdienst mit der Gruppe und installierte – gemäß den Wünschen der Anwohner/innen – Bänke, Mülleimer und eine Boulebahn auf dem Kirchberggelände. Nach Projektende ist es der Initiative und dem Bemühen des Stadtteilvereins zu verdanken, dass die Landeshauptstadt Saarbrücken Malstatt für das Städtebauförderprogramm »Soziale Stadt« angemeldet hat.
 

2) Der Organisationsaufbau ist zentral

Das Projekt zielt explizit auf die Weiterentwicklung und das Zusammenführen bestehender Initiativen und soll eine selbsttragende Bürgerorganisation aufbauen. Dies stellt eine zentrale Weiterentwicklung zur bisherigen GWA-Praxis dar, vor allem anlassbezogene Beteiligung zu unterstützen. Damit wird der zentrale Schritt zur selbstbestimmten Partizipation im Sinne von Teilnahme und (Mit-)Entscheiden als Selbstermächtigung vollzogen und Engagement verstetigt.

Zentrales Ergebnis der Bemühungen um Selbstorganisation war (nach Ende der Projektförderung) im Oktober 2013 die Gründung des »Stadtteilverein. Malstatt – gemeinsam stark« MaGS« (n.e.V.) – zunächst als nicht eingetragener Verein, aber mit Satzung und Vorstand. Der Verein umfasst mittlerweile fast 50 Mitglieder, die Vereinsgeschäfte erledigen die Mitglieder weitestgehend selbstständig.

Vor allem aber betreibt der Verein eigenständiges Fundraising (Mitgliedsbeiträge und Sponsoring) und verfügt damit über eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. So war der Verein z.B. in der Lage, von Februar bis Mai 2015 ein leerstehendes Ladenlokal in Malstatt anzumieten und – unterstützt durch eine ansässige Künstlerin – mit einem bemerkenswerten Mix aus Ausstellungen, Performances und Politik erfolgreich auf das Leerstandsproblem im Stadtteil aufmerksam zu machen.

Ergebnisse des Prozess

Immer öfter hört man die Rückmeldung im Stadtteil: »Es tut sich was in Malstatt«. Es ist offenbar gelungen, in Malstatt einen Möglichkeitsraum für selbstorganisierte Beteiligung zu eröffnen. Bürger/innen haben die Gelegenheit ergriffen, aus eigener Initiative Prozesse »von unten« anzugehen.

Damit ist in Malstatt ein Klima entstanden, das Menschen ermutigt und unterstützt, sich für ihre Interessen im Stadtteil einzusetzen – aktuell z.B. im Bemühen darum, Schwerlastverkehr aus einer zentralen Straße in Malstatt zu verbannen und sich darüber hinaus in die Erarbeitung eines kommunalen Verkehrsentwicklungskonzeptes (VEP) mit Stadtteilbelangen einzubringen. (Näheres siehe: www.facebook.com/stadtteilverein.malstatt).

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Vor allem aber wurde der Aufbau persönlicher Beziehungen untereinander gefördert, als Quelle von Durchsetzungsfähigkeit und gelebter Solidarität im Stadtteil. Die Beteiligten haben Zutrauen in ihre Möglichkeiten als Personen und als Gruppe gefasst.

Es bleibt weiter spannend in Malstatt. Community Organizing, als eigenständiger professioneller Ansatz, ist offensichtlich auch in Deutschland dazu geeignet, Demokratieentwicklung von unten zu stärken.

Literatur und Links

Forum für Community Organizing/Stiftung Mitarbeit (Hrsg.) (2014) in Kooperation mit DICO Deutsches Institut für Community Organizing: Handbuch Community Organizing. Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn.

Landeshauptstadt Saarbrücken: Stadtteilentwicklungskonzept Unteres und Oberes Malstatt