Praxisbeispiel Die Bürgerplattform »Stark! im Kölner Norden«

Die Tradition des Community Organizing beginnt in den 1930er Jahren in Chicago durch die Arbeit von Saul Alinsky. Alinsky hatte als Sozialwissenschaftler und ehemaliger Gewerkschafter die Reflektion und auch das Talent, Menschen unterschiedlicher Hintergründe anhand ihrer Interessen zusammenzubringen. Jenseits trennender Merkmale wie Religion, Herkunft oder Stand führte er diejenigen Menschen mit ihren Organisationen zusammen, die bisher alleine an der Verbesserung der katastrophalen Lebensumstände arbeiteten.

Im Zusammenschluss entstand das Back of the Yards Neighbourhood Council (BYNC), das als community organization (Bürgerplattform) 127 der vormals nicht verbundenen Organisationen vereinte. Mit dieser vereinten Stimme konnten in Verhandlung mit Politik und Unternehmern konkrete Verbesserungen vor Ort erreicht werden. Diese Erfolge strahlten aus und machten es möglich, mit der Industrial Areas Foundation (IAF) in Folge auch einen strukturellen Rahmen für den Aufbau weiterer community organizations und die Ausbildung enstprechender Fachkräfte (»community organizer«) zu schaffen.

Zudem legte Saul Alinsky mit den Publikationen Reveille for Radicals (1946) und Rules for Radicals (1971) die methodischen Grundlagen für das Community Organizing. Nach dem Tod Saul Alinskys 1972 war es vor allem sein Mitarbeiter Edward Chambers, der die Inhalte weiterentwickelte und in der Publikation Roots for Radicals (2003) zusammenfasste; ergänzende Erfahrungen finden sich in Michael Gecans Going Public (2002). In Summe reflektieren diese Publikationen bis heute die methodischen Grundlagen der Praxis der IAF.

Derzeit sind mit der IAF über 70 community organizations assoziiert. Die meisten community organizations finden sich dabei in post-industriell geprägten Großstädten der einzelnen Länder (u.a. Baltimore, Chicago, New York, Los Angeles in den USA, Vancouver in Kanada, Sydney in Australien, u.a. London, Birmingham und Cardiff in Großbritannien).

In Deutschland ist das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) seit den 1990er Jahren das einzige Kompetenzzentrum für den Aufbau und die Begleitung von community organizations (Bürgerplattformen).

Die mit dem DICO verbundenen Bürgerplattformen besitzen die Vielfalt, Unabhängigkeit und Macht, auch schwierige Themen mit Entscheidungsträgern zu verhandeln und damit konkrete Verbesserungen zu erreichen. Meist sind in den Bürgerplattformen gerade auch diejenigen Menschen organisiert, denen die Gesellschaft nicht zutraut, politisch mitzubestimmen.

Indem Menschen durch Fortbildungen, Seminare und vor allem in der Beziehungsarbeit begleitet werden, entsteht eine neue Form von Macht im Miteinander. Die Bürgerplattform ist das Instrument, diese Macht in Aktion zu bringen. Neben drei Bürgerplattformen in Berlin (SO! Mit uns in Treptow-Köpenick, Wir sind da! Bürgerplattform Wedding/Moabit, WIN - Wir in Neukölln) und der Bürgerplattform Stark! im Kölner Norden in Nordrhein-Westfalen, befinden sich zwei Bürgerplattformen in Berlin-Spandau und in Duisburg im Aufbau.

Am Anfang einer Bürgerplattform steht in der Regel eine Einladung von lokalen Unternehmen, Stiftungen oder Multiplikatoren aus der Zivilgesellschaft, die nach neuen Formen der Gestaltung des (politischen) Zusammenlebens suchen. In Köln haben diese Einladung im Jahr 2013 Generali Zukunftsfonds, Katholisches Stadtdekanat, Rewe Group – Region West, GAG Immobilien AG, Ford und die Industrie- und Handelskammer zu Köln ausgesprochen.

Gemeinsam sollte der Situation im Kölner Norden, die von vielfältigen Problemlagen geprägt war, etwas entgegengesetzt werden. So erhielten in den Stadtbezirken Ehrenfeld, Chorweiler und Nippes 11 bis 17 % der Einwohnerinnen und Einwohner unter 65 Jahren Leistungen nach SGBII (Hartz-IV), während der Anteil in den anderen linksrheinischen Gebieten 4 bis 9 % betrug. Zudem lag die Wahlbeteiligung in einigen Stadtteilen seit Jahren unter dem Kölner Durchschnitt.

Beziehungen vor Themen

Anstatt in dieser Situation direkt mit Projekten und zielgruppenspezifischen Ansätzen zu beginnen, ermöglicht der Ansatz des Community Organizing erst einmal in der kompletten Breite der Zivilgesellschaft persönliche, interessenorientierte Einzelgespräche zu führen.

In aufsuchender Arbeit bei Kirchengemeinden, Moscheen, Vereinen und Nachbarschaften führt ein hauptamtlicher Organizer 10 bis 15 Gespräche pro Woche und knüpft darüber immer festere Beziehungen zu Schlüsselpersonen aus diesen Gruppen. Eine Schlüsselperson nimmt dabei meist eine zentrale Führungsrolle innerhalb der Gruppe ein, muss aber nicht zwangsläufig eine formale Funktion einnehmen. Schlüssel­personen finden sich in den Vorständen, Presbyterien und bei Hauptamtlichen, aber auch in Seniorenkreisen, Jugendgruppen und Hausgemeinschaften.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Die strukturierte Suche und die Erkundung der Interessen dieser Schlüsselpersonen macht die professionelle Arbeit einer Organizers aus. Nicht das nächste Thema bildet dabei den Bezugspunkt, sondern die Interessen des Gegenübers: Woran hat die Person Freude? Was ärgert sie? Woraus schöpft sie ihre Motivation? Und ist sie bereit, etwas an der Situation vor Ort zu ändern?

In Köln fanden in den ersten drei Jahren über 1.000 persönliche Einzelgespräche statt, ergänzt durch vereinzelte Informationsgespräche sowie Seminare und Schulungen. Neben der Ansprache von katholischen, evangelischen, orthodoxen, islamischen und anderen Gemeinden wurde mit Menschen aus Sport-, Kultur- und Nachbarschaftsvereinen, Initiativgruppen, Bürgerinitiativen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und vielen anderen gesprochen.

Aufbaukreis und Gründung

Nach ca. einem Jahr sind die Beziehungen zwischen Organizer und Schlüsselpersonen meist soweit entwickelt, dass auch die Beziehungen zwischen den Schlüsselpersonen gestärkt werden können. Hierbei kommen Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammen, die vorher meist nur wenig bis gar keinen Kontakt hatten. In persönlichen und kleinen Gruppengesprächen entwickeln sich die Beziehungen und bestehende Ängste, Unsicherheiten und Vorurteile bauen sich ab.

Aus diesen Beziehungen entsteht dann im Laufe eines Jahres ein Aufbaukreis aus Gruppen, dessen Aufgabe es ist, die Breite der Zivilgesellschaft abzubilden und stark genug zu werden, um stadtpolitische Themen zu bewegen. Wenn dies annähernd erreicht ist, entscheiden die Schlüsselpersonen gemeinsam über die Gründung einer Bürgerplattform aus ihren Gruppen.

Nach zweieinhalb Jahren Aufbauprozess haben sich im Kölner Norden am 18. Oktober 2015 knapp 30 Gruppen dazu entschieden, als Bürgerplattform eine starke Stimme aus der Zivilgesellschaft zu bilden. Mit dieser Entscheidung verbunden ist die Bereitschaft, dass die Mitglieder der eigenen Gruppe mitwirken sowie einen Teil der Finanzen einbringen. Dies hat der Kölner Norden mit 800 Menschen und der Zusage für 30 % des Jahresbudgets eindrucksvoll bei der Gründung bewiesen.

Aktionen und Erfolge

Erst kurz vor der Gründung sprechen die Schlüsselpersonen innerhalb des Aufbaukreises das erste Mal über Themen und Lösungsvorschläge. In Workshops, kleinen Treffen und Recherche-Aktionen sammeln die Menschen Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Alltag und erkennen, dass sie damit meist nicht alleine sind.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Bei Schwierigkeiten mit der Qualität des öffentlichen Raums, bei Problemen mit Bildungseinrichtungen und anderen tagtäglichen Erfahrungen spielt es meist keine Rolle, welchen religiösen, demographischen oder kulturellen Hintergrund die Betroffenen haben.

Durch die bestehenden Beziehungen entsteht aber auch der Raum, diese Erfahrungen offen und vertrauensvoll zu äußern. Mit dem Wissen um diese konkrete Problemlagen finden sich dann in der Folge auch gemeinsame Lösungen, die mit verantwortlichen Entscheidungsträgern verhandelt werden.

In Köln ergaben sich diverse Handlungsfelder aus den Geschichten. Nach einer Priorisierung entschieden sich die Gruppen der Bürgerplattform, mit den Themenbereichen Wohnen, Spielplätze und islamischer Religionsunterricht zu starten. Die Entscheidung fiel auf diese Themenbereiche, weil hier Handlungsoptionen bestanden und konkrete Lösungen skizziert werden konnten:

  • So war im Themenbereich Wohnen vor allem die Situation in der Siedlung im Mönchsfeld in Roggendorf/Thenhoven im Blick, in der viele Sanierungen jahrelang ruhten und die Gebäude in einem desolaten Zustand waren.
  • Zudem konzentrierte man sich auf zwei Spielplätze in Seeberg und Bickendorf, die Instandhaltungsmaßnahmen oder Neuplanungen benötigten.
  • Beim islamischen Religionsunter­richt war der Anlass, dass dieser gesetzlich seit vielen Jahren in Nordrhein-Westfalen möglich ist, in Köln im Vergleich zu anderen Städten aber nur unzureichend umgesetzt wurde.

Im Herbst 2017 waren alle drei Themen erfolgreich abgeschlossen. Im Mönchsfeld wurden, gemeinsam mit den Bewohnern und dem neuen Eigentümer Vonovia, umfangreiche Sanierungen umgesetzt, auf den Spielplätzen in Bickendorf und Seeberg stehen neue Spielgeräte und für den islamischen Religionsunterricht gibt es drei neue Lehrkräfte. Mit diesen Erfolgen sammelt die Bürgerplattform nun neue Geschichten und widmet sich neuen Themenbereichen, in denen ab 2018 gemeinsam gehandelt werden muss.