Praxisbeispiel Shared Space auf dem Grazer Sonnenfelsplatz

Auf einem stark frequentierten Platz im Grazer Universitätsviertel, dem Sonnenfelsplatz, wurde erstmals in einer österreichischen Landeshauptstadt ein Shared Space Projekt realisiert. Dabei handelt es sich um ein Konzept zur umfassenden Gestaltung des öffentlichen Raumes. Straßen, Wege, Plätze werden als gemeinsamer Mobilitätsraum aufgefasst, der von allen Verkehrsteilnehmer/innen gleichrangig geteilt wird.
Das wesentliche Merkmal von Shared Space ist, Verkehrsregeln durch Sozialverhalten zu ersetzen. Daher muss eine diesbezügliche Änderung der mentalen Einstellung aller Verkehrsteilnehmer/innen erfolgen. Eine besondere Herausforderung war hierbei die Einbeziehung der Menschen mit besonderen Bedürfnissen, der Kinder, Älteren, Sehbehinderten.

Konzentrierter Planungsprozess vor Ort

Der Sonnenfelsplatz ist, wie viele innerstädtische Orte, ein Platz mit hoher Frequenz und relativ wenigen direkten Anrainern. Es galt daher, eine Beteiligungsmethode zu wählen, die es auch Menschen, die sich in der Umgebung aufhalten, die hier arbeiten oder studieren, möglich macht, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen.

Die Lösung sollte sowohl den ökonomischen Interessen der benachbarten Lokale und Wirtschaftsbetriebe berücksichtigen wie auch den Anforderungen des öffentlichen Verkehrs gerecht werden. In Abstimmung mit unterschiedlichen Verwaltungsstellen musste eine sinnvolle und rechtlich haltbare Lösung für die Umsetzung des Shared Space-Konzepts erarbeitet werden.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Für diese Ausgangssituation erschien ein kompakter fünftägiger kollaborativer Workshop, eine Charrette, passend zu sein. Diese Methode ermöglicht es, ein Projekt auf konzentrierte Art und in direktem Kontakt mit einer qualifizierten Öffentlichkeit durch ein Planungsteam vor Ort zu entwickeln und auszuarbeiten.

In vier Schritten zum Projektentwurf

Die Methode wurde vom Planungsteam auf hiesige Verhältnisse und an die speziellen Anforderungen des Projekts angepasst.

1) Organisatorische Vorbereitung

Rund drei Monate vor Beginn der Charrette begann die Vorbereitung: Anmieten eines Raums vor Ort, Information der Öffentlichkeit und Einladen aller relevanten Stakeholder. Ein detaillierter Zeitplan wurde erstellt. Die zeitliche Koordination aller Beteiligten war eine besondere Herausforderung.

2) Inhaltliche Vorbereitung

Das Thema »Shared Space« war in Österreich weitgehend neu und es war wichtig, die entscheidenden Behörden von Beginn an einzubeziehen. Auch zu diesem Zweck wurde mit ca. 15 Teilnehmer/innen eine mehrtägige Exkursion nach Holland und Deutschland unternommen. Außerdem wurde schon in einer ganz frühen Projektphase der Kontakt zu Vertreter/innen von Sehbehinderten und Rollstuhlfahrer/innen gesucht.

3) Charrette

Entlang des klar strukturierten Zeitplans lief die Arbeit am Entwurf parallel und überschneidend zu den Besprechungen mit unterschiedlichen Stakeholdern wie etwa Anwohner/innen, Passanten, Vertreter/innen der Interessenverbände (ÖH, Universität, Radfahrerlobby, Behindertenverbände), Behörden, Auftraggeber.

Die öffentlichen Bürger/innenversammlungen am ersten, dritten und fünften Workshoptag wurden flankiert durch zahlreiche Besprechungen in Gruppen, durch Vieraugengespräche, durch Besuche bei den Anrainern und Nachbarn. Zahlreiche Interessierte schauten regelmäßig im Café vorbei und dem Planungsteam bei der Arbeit zu. So wuchs die Planung des Projekts unmittelbar neben dem Projektgebiet und gleichsam unter ständiger Beobachtung der Bevölkerung.

Am letzten Abend wurde der Entwurf den interessierten Bürger/innen präsentiert und es konnte ein weitgehender Konsens erzielt werden. Detailprobleme, die teilweise bereits jahrelang ergebnislos diskutiert worden waren, wie die Anordnung von Bushaltestellen, konnten in kürzester Zeit und sehr effizient gelöst werden.

4) Nachbereitung

Dokumentation des Workshops und des erarbeiteten Projekts.

Zusammenfassende Einschätzungen

  • Durch das gemeinsame Arbeiten kommt es zu einer starken Identifikation aller Beteiligten mit dem Projekt.
  • Die fachübergreifende Arbeitsweise zwischen Städtebauer/innen, Verkehrs-, Freiraum- und Lichtplaner/innen, Soziolog/innen und anderen Experten führt zu einem ganzheitlichen Entwurf.
  • Die Bearbeitung ist hoch effizient, da sich das gesamte Team vor Ort für die Dauer der Charrette mit voller Konzentration der Bearbeitung des Projekts widmet.
  • Alle Wünsche und Anforderungen der Bevölkerung werden »volley« eingespielt und landen nicht auf der langen (Reserve-)Bank.
  • Strukturiertes, effizientes Arbeiten vor Ort entsteht durch permanentes Interagieren zwischen den Planer/innen und Alltagsexpert/innen sowie Planer/innen und der Verwaltung/Politik.
  • Informationsaustausch und Abstimmungen werden durch das gemeinsame Arbeiten vor Ort erheblich erleichtert, Verzögerungen und damit verbundene höhere Kosten im Planungsprozess werden dadurch minimiert.
  • Durch langfristig akkordierte Termine können die Verantwortlichen aus Politik, Stadtbaudirektion und den Fachabteilungen der Stadt effizient eingebunden werden.
  • Planung wird entmystifiziert durch die laufende Einbindung der Bürger in den Planungs- und Diskussionsprozess. Planung und Planende sind in der Öffentlichkeit, jeder Bürger, jede Bürgerin kann sich laufend über die Planungsfortschritte informieren.
  • Die Öffentlichkeitsarbeit ist effizient durch Überschaubarkeit, die klare Gliederung des Gesamtprozess und einen klaren »Stundenplan«.
  • Planungssicherheit entsteht durch permanente Kontrolle und Transparenz. Die Entwürfe können sofort überprüft, Kritik und Feedbacks können sofort in den Entwurf eingearbeitet werden.
  • Für das innovative Bürgerbeteiligungsverfahren bekam das Planungsteam den ÖGUT-Umweltpreis 2011 in der Kategorie Partizipation (www.oegut.at).