Praxisbeispiel Charette-Verfahren Duisburg

Die Stadt Duisburg ist eine der wichtigsten Industriestädte – nicht nur des Ruhrgebietes – und zugleich ein bedeutender Transport- und Verkehrsknoten. Diese Großstadt befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess von der Stahlstadt zur industriell geprägten Stadt von Wissen, Kultur und Handel.

Dieser Wandel ist ein komplizierter, neuartiger Vorgang in der Geschichte einer jeden Stadt, bei dem Neuland betreten wird und der vor allem nicht konfliktfrei abläuft. Ein Versuch, dieser Transformation kulturell einen Impuls zu geben, bestand u. a. darin, in der Nähe des Bahnhofs im Jahr 2010 die »Loveparade« durchzuführen. Dies scheiterte aus vielen Gründen tragisch. Im Ergebnis dessen kam es auch zu einer Neuwahl des Oberbürgermeisters und anderen Veränderungen in der politischen Kultur der Stadt.

Der schon länger beabsichtigte grundlegende Umbau des Bahnhofsumfeldes erlangte durch diese Vorgänge eine besondere kommunalpolitische Bedeutung. Zunächst griff die Verwaltung zu dem üblichen, durchaus berechtigten Instrument des Architekturwettbewerbs, um eine gestalterische Lösung für den Bahnhofsplatz zu finden. Mit der durch eine Jury gekürten Lösung war der Stadtrat letztlich nicht zufrieden. Inzwischen war auch die Frage der stärkeren öffentlichen Beteiligung bei diesem so brisanten Thema deutlich gewachsen.

Was sollte erreicht werden?

Der Stadtrat beauftragte die Verwaltung im September 2011 einen neuen Prozess zur Findung einer angemessenen, umsetzungsfähigen Lösung bis zum Sommer 2013 für die »Visitenkarte« der Stadt, den »Stadteingang« zu finden – unter Einbeziehung des Gedenkens an die Opfer der Loveparade – und mit größtmöglicher Beteiligung der Öffentlichkeit.

Bei dieser Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes waren jedoch die bereits eingeleiteten Maßnahmen im Hochbau am Rande ebenso zu integrieren wie die neue Maßgabe, den Bahnhof stärker als in den bisherigen Planungen vorgesehen, mit der Innenstadt zu verbinden. Die Grundlage für die neue Möglichkeit, einen der Größe und Bedeutung der Stadt angemessenen Platz vor dem Hauptbahnhof zu gestalten bot die Überdachung der vor dem Bahnhof verlaufenden Bundesautobahn.

In die Gestaltung sollten die verschiedenen Interessen der Anrainer, der Bahn, der Stadtöffentlichkeit und ihrer verschiedenen Interessengruppen ebenso einfließen wie die Fachkompetenz von Planer/innen, Architekt/innen, Ingenieur/innen und der Verwaltung. Es galt zudem einen Platz zu gestalten, der »sich sehen lassen kann«.

Wer wurde wie beteiligt?

Die Maßgabe des Stadtrates sah bzgl. der Verfahren vor, kein Standardverfahren zu wählen, sondern einen Suchprozess zu starten, an dessen Ende ein für diese komplizierte Aufgabe angemessenes Verfahren ausgewählt wird, das dann zu einem ansprechenden und breit akzeptierten Ergebnis führt.

Es wurde ein Weg eingeschlagen, der die Teilhabe aller Interessierten und für die Entscheidungsfindung wichtigen Menschen ermöglichte. Dabei spielten die relevanten Verwaltungsabteilungen, die Anrainer des Platzes, interessierte Einwohnerinnen und Einwohner, Schüler/innen, Student/innen, Fachleute unterschiedlicher Disziplinen, der Gestaltungsbeirat, aber auch die politischen Vertreter/innen der Ortsteile und des Stadtrates selbst eine wichtige Rolle.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Es wurde ein Prozess initiiert, der für alle zu jeder Zeit zugänglich und im Ergebnis offen war – unter Berücksichtigung der objektiv vorhandenen Restriktionen.

Was wurde erreicht?

Das Ergebnis, eine neue Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes, die umsetzungsreif ist und realisiert wird, wurde durch eine Zweistufigkeit im Verfahren erreicht:

1) Verfahrensfindung

  • Ermittlung der Restriktionen, Bewertung der vorliegenden Planungen, Ermittlung von finanziellen, technischen und stadtpolitischen Handlungsspielräumen
  • Durchführung eines »Open Space« zur Findung von Verfahrensideen und ersten Anregungen für die Gestaltung des Platzes – mit besonders großem öffentlichen Zuspruch. Grundlage war die von der Öffentlichkeit geforderte Maßgabe, »Kompetenzgerechtigkeit« herzustellen
  • öffentliche Auswertung und Gewichtung der Verfahrensideen für die zweite Stufe.

2) Schrittweise eingeleiteter und durchgeführter Gestaltungsprozess mit Charrette-Verfahren

  • Vorbereitung durch öffentliche Fachveranstaltungen zur Diskussion des städtebaulichen Themas »Bahnhofsvorplätze« mit externen Fachleuten verschiedener Herkünfte.
  • Durchführung einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung mit Kritiker/innen des Verfahrens und der Ermittlung von Problempunkten bei der Platzgestaltung.
  • Durchführung einer öffentlichen Leitbildwerkstatt, um die grundsätzlichen Entwurfsparameter in räumlicher, funktionaler und ästhetischer Hinsicht zu finden. Dies mit intensiver und großer öffentlicher Resonanz und spezifischer Integration von Fachleuten und Interessenvertreter/innen.
  • Durchführung einer einwöchigen Charrette zur Gestaltung des Platzes: Die Verwaltung trug ihre Entwurfsarbeit in die Öffentlichkeit, sie arbeitete öffentlich. Die Bevölkerung leistete durch Anregungen und Kritiken Input, die Fachleute und Bürger/innen diskutierten auf Augenhöhe und die Positionen der Öffentlichkeit wurden für die Gestaltung gedeutet. Spezifische Interessengruppen wurden durch Aktionen (z. B. Projekttage mit Schüler/innen) und auch der Gestaltungsbeirat wurde direkt einbezogen. Die abschließenden, gemeinsam getragenen Grundzüge des Entwurfs wurden unter dem Motto »Bühne und Saum« in einem kontroversen, rückkoppelnden und transparenten Prozess in einer Woche ermittelt.
  • Dem wurde eine »Mini-Charrette« nachgeschaltet, in welcher noch Details, insbes. zur verkehrlichen Frage und Gestaltungsaspekte bearbeitet und gelöst wurden.
  • Anschließend arbeitete das Charrette-Kernteam und die Verwaltung die Dokumente und Stadtratsvorlagen aus. Ein zunächst vorgesehener Runder Tisch zur endgültigen Abstimmung des Entwurfs war nicht mehr notwendig, das Ergebnis hatte alle überzeugt.
  • Der Stadtratsbeschluss im Juli 2013 bildete die Grundlage für die Umsetzung des Vorhabens.
  • Die Ergebnisse wurden in einer Publikation veröffentlicht, die beim Amt für Stadt­entwicklung und Projektentwicklung und beim Amt für Umwelt und Grün der Stadt Duisburg erhältlich ist.