Praxisbeispiel Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen

Raum des Gedenkens und Lernens

Wie kann die Zukunft einer Region aussehen, die noch die Spuren einer belastenden Vergangenheit in sich trägt? Das war eine der Fragen zu Beginn des Prozesses, der 2012 mit dem Ziel gestartet wurde, eine attraktive Zukunftsvision für die drei Gemeinden Mauthausen, St. Georgen und Langenstein zu entwickeln.

Im nationalsozialistischen Konzentrationslager Mauthausen mit seinen Außenlagern in den benachbarten Gemeinden Langenstein und St. Georgen/Gusen waren zwischen 1938 und 1945 über 270.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, 140.000 wurden ermordet.

Ausgangspunkt für das Projekt »Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen. Raum des Gedenkens und Lernens« waren geplante Unterschutzstellungen ehemaliger SS-Baracken durch das Bundesdenkmalamt im Gemeindegebiet Langenstein und die dadurch ausgelösten kontroversen Diskussionen in der Region.

An ehemaligen Tatorten des Nationalsozialismus, wie es Konzentrationslager waren, werden zwei gegensätzliche gesellschaftliche Strömungen besonders spürbar: Während die einen die Vergangenheit begraben wollen, möchten die anderen umfassend über sie Bescheid wissen. Will man erstere Gruppe vom Sinn der Spurensuche überzeugen, muss man das Geschehen von damals für das Heute produktiv machen.

Rasch wurde klar, dass bloße Denkmalschutz-Maßnahmen ohne Akzeptanz und Verständnis in der Bevölkerung zu kurz greifen. Es musste vielmehr darum gehen, in einem breiten Beteiligungsprozess ein regional integriertes Projekt des Gedenkens zu entwickeln mit einem schlüssigen Gegenwarts- und Zukunftsbezug sowie eine Vision für die Entwicklung der Region.

»Das Besondere war die bunte Mischung der Personen, diese Unterschiedlichkeit und trotzdem hat sich da so schnell eine Gemeinschaft entwickelt.«
Teilnehmerin, 36

Das Bundesdenkmalamt berief einen Runden Tisch als beratendes Gremium ein, an dem u.a. die Bürgermeister der drei Gemeinden, Vertreter/innen des Landes Oberösterreich und der Republik Österreich, Opferverbände und Gedenkinitiativen sowie Expert/innen des Bundesdenkmalamtes und Wissenschafter/innen teilnahmen.

Die Bürgermeister der drei Gemeinden Mauthausen, Langenstein und St. Georgen/Gusen trugen das Projektvorhaben von Beginn an mit großem Engagement mit.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Gemeinsames Ziel war es, den spürbaren Gegensatz zwischen den Orten der Vergangenheit und der Gegenwart aufzulösen und in positive Energie für die Entwicklung zukunftsweisender Konzepte umzuwandeln. Außerdem sollte für die geplanten Unterschutzstellungen eine weitgehend konsensuale Lösung unter Einbeziehung der Grundeigentümer, der lokalen Bevölkerung und der Opferverbände erarbeitet werden.

Mit dem Wissen um die Vergangenheit in die Zukunft blicken

Das Projekt beruhte auf zwei partizipativen Säulen: Zum einen die Beteiligung der Bevölkerung in sogenannten Ideenwerkstätten – durchgeführt mit der Methode Bürger/innen-Rat; zum anderen die Einbindung von Menschen, die in unterschiedlicher Weise der Region verbunden sind und die in sogenannten Kreativ-Workshops ihr fachliches Wissen einbringen sollten.

In der Auftaktveranstaltung im November 2012 mit den Gemeinderäten aller drei Gemeinden wurde das Vorhaben präsentiert und erste Ideen und Vorschläge gesammelt. Parallel dazu ging die Projekt-Website www.bewusstseinsregion.at online. Gleichzeitig wurde die Öffentlichkeit durch ein Pressegespräch mit den drei Bürgermeistern über das Projekt informiert.

Die Beteiligung der Bevölkerung war das Kernelement des Prozesses. Zu den im Februar und März 2013 stattfindenden Bürger/innen-Räten waren Bewohner/innen aller drei Gemeinden nach dem Zufallsprinzip eingeladen worden.

Trotz des vielfach als schwierig empfundenen Themas war das Echo auf die Einladung groß. Es fanden drei Bürger/innen-Räte statt, einer in jeder Gemeinde, aber jeweils mit Bewohner/innen aus allen drei Gemeinden.

Durch die Zufallsauswahl waren die Gruppen wie angestrebt sehr heterogen zusammengesetzt: Menschen aller Altersgruppen (von 15 bis 76) mit unterschiedlichem sozialem und Bildungshintergrund, ausgewogen nach Geschlecht.

»Es war für mich die volle Bereicherung! Der Jüngste war 15, der Älteste fast 80. Die verschiedenen Leute zu hören, das war eine tolle Erfahrung! Und zu sehen, wie gut das funktioniert, wie schnell die Gruppe zusammenwächst, Menschen, die sich nie vorher gesehen haben.«
Schülerin, 16

Gemeinsam Lernen über Generationen und Gemeindegrenzen hinweg

Zuhören und gehört werden und gemeinsam Ideen entwickeln standen im Mittelpunkt der eineinhalb Tage. Die Teilnehmer/innen tauschten sich über das Vergangene und das Heute aus und darüber, was ihnen für die Zukunft wichtig ist, wie ihr Lebensraum noch lebenswerter gestaltet werden kann.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Es ging um Wahrnehmungen, Ärgernisse, Erwartungen, Enttäuschungen und Hoffnungen in Bezug auf ihren Lebensraum und seine Geschichte.

Die Teilnehmer/innen waren am Ende durchwegs sehr positiv gestimmt:

  • vom Austausch, vom konzentrierten Zuhören und gemeinsam Lernen über Generationen, soziale Gruppen und Gemeindegrenzen hinweg;
  • von der Offenheit und wertschätzenden Kommunikation, die durch die spezielle Moderation, die Dynamic Facilitation, entsteht;
  • von der Vielzahl der Themen und der Fokussierung auf Lösungen;
  • von dem Gefühl der Gemeinschaft und Verantwortung für die Region, das dabei entstanden war.

Von Jänner bis März 2013 fanden außerdem fünf vierstündige Fokusgruppen statt, zu denen Personen aus einem konkreten thematischen Zugang heraus eingeladen waren, Ideen für die Region zu entwickeln. Die Kreativ-Workshops hatten unterschiedliche thematische Schwerpunkte:

  • Wissenschaft,
  • Kunst und Kultur,
  • Regionalentwicklung,
  • Wirtschaft und Soziales,
  • Perspektiven von Gedenkinitiativen und Opferverbänden wie zuletzt von Menschen aus der Region, die heute anderswo leben und somit eine Innen- wie Außenperspektive einnehmen können.

In einem Ideen-Marktplatz wurden die Ergebnisse der drei Bürger/innen-Räte und der Fokusgruppen zusammengeführt und weiter bearbeitet und anschließend den Bürgermeistern der drei Gemeinden präsentiert. In einer großen öffentlichen Veranstaltung im Donausaal Mauthausen wurden schließlich die Ergebnisse der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. In den vertiefenden Gesprächsrunden stieß diese neue Art der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Zukunft auf sehr positive Resonanz.

Eine Teilnehmerin: »Für mich ist ganz stark rausgekommen, dass auch einmal etwas gut werden und heilen darf. Ich sehe jetzt sehr positiv und zuversichtlich in die Zukunft!«

Als Ergebnis des Prozesses haben die drei Gemeinden einen Gemeindeverband gegründet, der als Trägerorganisation für die Umsetzung der im Projekt entwickelten Ideen verantwortlich ist.