Methodenbeschreibung

Seite 1: Kurzcharakterisitik

Kurzcharakteristik

Das Konzept der Anwaltsplanung sieht vor, insbesondere artikulationsschwache oder sozial benachteiligte Bewohnergruppen bei der Wahrnehmung ihrer Interessen zu unterstützen. Zu diesem Zweck werden ihnen in Planungsfragen erfahrene Fachleute (»Bürgeranwälte«) zur Seite gestellt, die sie beraten und ihnen bei der Vertretung ihrer Interessen in kommunalen und staatlichen Gremien helfen. Ihre unterstützende Funktion fördert die Selbstorganisationsprozesse der Bürgerinnen und Bürger. In Konflikten kann sie vermittelnd tätig werden.

Anwaltsplanung kann also in vielen Situationen essentiell für den Erfolg der Bürgerbeteiligung werden: Erst durch sie werden Gruppen und Interessen in Beteiligungsprozesse eingebracht, die ansonsten ungehört geblieben wären. Auch die oft erheblichen Rollenungleichgewichte in Kooperationen können durch sie gemildert werden. Anwaltsplanung entlastet darüber hinaus die Bürgergruppen bei der fachlichen Auseinandersetzung. Im positiven Fall wirkt dies aktivierend: Es werden Kräfte für eigene Aktivitäten frei.

Konzept der Anwaltsplanung

Planungsbetroffene sind zumeist keine Planungsfachleute: Sie vermögen nicht genau abzusehen, was auf sie zukommt, welche Gründe für die Planungskonzepte ausschlaggebend sind und welche Alternativen denkbar wären.

Das Konzept der Anwaltsplanung wurde vor etwa 50 Jahren in den USA entwickelt. Paul Davidoff formulierte das theoretische Konzept: Er geht davon aus, dass planerisches Handeln nicht wertneutral ist. Eine pluralistische und demokratische Planung müsse es aber allen Interessengruppen ermöglichen, ihre Werte und Zielvorstellungen einzubringen sowie ggf. Alternativen zur behördlichen Planung zu entwickeln. Da diese Teilhabechancen unterschiedlich verteilt sind, bedürfen die schwächeren Gruppen besonderer Unterstützung (vgl. Davidoff 1972).

Seit etwa 40 Jahren wird auch in deutschen Städten erfolgreich mit Anwaltsplanung (besonders bei Sanierungsvorhaben) experimentiert, wobei das ursprüngliche Modell aus den USA in ständig weiterentwickelten Formen praktiziert wird.

Seite 2: Methodische Stufen

Grundsätze zur Durchführung

  • Anwaltsplanung muss unabhängig und zugleich verhandlungsfähig sein
  • einseitige finanzielle Abhängigkeiten sollten nach Möglichkeit vermieden werden
  • Alle lernen
  • Betreute Gruppe nicht bevormunden
  • Diskussionsprozess fördern
  • Anwaltsplaner müssen gut zuhören und sich auch » zurücknehmen«. können

5 methodische Stufen zur Einführung der Anwaltsplanung

Die folgenden Schritte und Fragen eignen sich zur Einführung der Anwaltsplanung:

Schritt 1: Erkennen der Ausgangssituation zur Umsetzung:

Anwaltsplanerinnen und Anwaltsplaner sitzen zwischen den Stühlen. Zumeist sind sie von der (kommunalen) Verwaltung finanziell abhängig. Zugleich aber sollen sie eindeutig die Partei ihrer Klientel ergreifen. Daraus können verschiedene Gefährdungen resultieren: etwa, dass Anwaltsplanung zu sehr die kommunalen Interessen im Auge hat und damit das Vertrauen der Bürgergruppen, die sie vertreten soll, verliert. Auch das Gegenteil kommt vor: Anwaltsplanung trägt zur Polarisierung von Konflikten bei und gefährdet die Kommunikation unter den Beteiligten etc. Um solche und andere Gefahren zu vermeiden, erscheinen folgende Grundsätze wichtig:

Mal sind die Konflikte bereits sehr zugespitzt und die Interessen klar abgesteckt, mal muss überhaupt erst einmal der Kern von Aufgaben und Interessenlagen herausgearbeitet werden. In manchen Fällen bestehen noch wesentliche Gestaltungsspielräume, in anderen Fällen sind alle wesentlichen Entscheidungen getroffen, und die Anwaltsplanung begleitet lediglich einen »Anpassungsprozess«. Mal sind die Interessen der Planungsbetroffenen relativ einheitlich, mal müssen zunächst starke interne Konflikte bearbeitet werden. Gelegentlich gibt es bereits organisierte Gruppen, während andernorts erst noch Ansprechpartner geschaffen werden müssen.

Schritt 2: Ausgestaltung des Auftragsverhältnisses und der Trägerschaft:

Zumeist sind in Deutschland Kommunen Vertragspartner, in den USA oder den Niederlanden treten auch Stiftungen, Vereine und andere Träger und Vertragspartner auf. Einseitige finanzielle Abhängigkeiten sollten nach Möglichkeit vermieden werden: Das Zwischenschalten intermediärer Organisationen (siehe dort), die öffentliche Gelder treuhänderisch verwalten, kann ebenso sinnvoll sein wie die Beteiligung weiterer unabhängiger Institutionen an der Trägerschaft (ggf. mit nur symbolischen Anteilen).

Schritt 3: Festlegung der Arbeitsbedingungen zur Umsetzung:

Es gibt Anwaltsplanungen, die auf wenige Beratungsstunden je Woche begrenzt sind und solche, die eine kontinuierliche Kooperation zwischen den Bürgergruppen und »ihren« Fachleuten ermöglichen. Entscheidend ist auch die Dauer: Nur über längere Zeiträume mit gesicherter Arbeitsperspektive entstehen die für Anwaltsplanung typischen wechselseitigen Lernprozesse.

Schritt 4: Übertragung der tatsächlichen Aufgaben:

Vertraglich vereinbarte Tätigkeitsschwerpunkte liegen zumeist in der fachlichen Beratung. Die praktische Arbeit ist jedoch bei intensiver Kooperation mit den Bürgergruppen vielfach von Elementen der Sozial- und Gemeinwesenarbeit geprägt. 

Schritt 5: Evaluation der Anwaltsplanung:

Rolle und Funktion der Anwaltsplanung müssen ständig überprüfbar sein, um sie vor Fehlentwicklungen (Verselbstständigung, Dominieren der betreuten Gruppen, etc.) zu bewahren. Selbstreflexion ist ebenso notwendig wie die kritische Begleitung (etwa durch einen Beirat).

Seite 3: Anwendungsbereiche / Organisation / Stärken und Schwächen

Anwendungsbereiche

Überall da wo Bürgerinnen und Bürger in die Planungsprozesse der Kommune eingebunden werden sollen, kann die Anwaltsplanung etabliert werden.

Organisation, Anzahl der Teilnehmer/innen, Zeitraum

Anwaltsplanung ist eine Methode, die in der Regel über einen längeren Zeitraum durchgeführt wird. Es werden Kommunikationsmittel (Telefon, E-Mail, etc.) für die Beratung benötigt. Von Vorteil ist ein Besprechungsraum.

Stärken und Schwächen

Pro Contra
  •  Die Anwaltsplanung kann die Interessen benachteiligter Bürgerinnen und Bürger stärker zur Geltung bringen
  • Sie ist dazu geeignet, Alternativplanungen und Gegengutachten mit den Betroffenen zu erarbeiten
  • Sie trägt dazu bei, dass Planungsprozesse verständlicher und durchsichtiger werden
  • In Konflikten kann sie vermittelnd tätig werden
  • Erhebliche Rollenungleichgewichte in Kooperationen können gemildert werden
  • Sie entlastet die Bürgergruppen bei der fachlichen Auseinandersetzung
  • Umfassende Konflikte werden möglicherweise auf technisch bearbeitbare Probleme reduziert
  • Bürgergruppen könnten bevormundet oder in passive Rollen gedrängt werden

 

 

Tipp

Der vorliegende Text wurde im Rahmen der Überarbeitung des Buches »Informieren, Beteiligen, Kooperieren – Eine Übersicht zu Formen, Verfahren, Methoden und Techniken« (Ariane Bischoff, Heidi Sinning, Klaus Selle) erstellt. Informationen: https://publications.rwth-aachen.de/record/660098