Methodenbeschreibung

Im Rahmen einer Aktivierenden Befragung werden die Bewohner/innen eines bestimmten Gebietes dazu befragt, was sie von ihrem Wohnort halten und was sie verändern möchten. Die Befragung findet in der Regel (nach einer Vorankündigung) zuhause bei den Menschen statt. Sie kann aber auch an öffentlichen Orten durchgeführt werden, an denen sich die Menschen alltäglich aufhalten. Sie ist unkompliziert und offen gehalten, so dass die Menschen ihre persönlichen Eindrücke spontan einbringen können. Gleichzeitig werden die Bewohner/innen dazu ermutigt und dabei unterstützt, sich selbst zu engagieren, damit die von ihnen gewünschten Veränderungen initiiert und umgesetzt werden.

Zielsetzung der Methode

Die Aktivierende Befragung ermöglicht es, in einem begrenzten Gebiet die Sichtweisen, Interessen und Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zu ergründen und gleichzeitig persönliche Verbindungen und Vertrauen aufzubauen. Im Unterschied zu anderen Untersuchungs- oder Befragungsmethoden kann und soll eine Aktivierende Befragung gleichzeitig der Beginn von Veränderungen durch (völlig offene) Aktivitäten der dort lebenden und betroffenen Einwohner/innen sein. Der Kern liegt in der Erforschung der ganz persönlichen Sichtweisen, der Eigeninteressen der jeweiligen persönlichen Ressourcen (source, engl. = Quelle) und in der Aktivierung der Menschen, Veränderungen selbst zu gestalten.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Die Idee der Aktivierenden Befragung basiert auf den Grundannahmen der »Aktionsforschung«. Theorie und Praxis werden dabei nicht getrennt betrachtet. Vielmehr ist der Forschungsvorgang bereits ein Teil der Aktivierungsstrategie (Lewin 1968).

Durch offene Fragestellungen werden die Betroffenen angeregt, sich über ihre »soziale Wirklichkeit« – die sie umgebenden Räume, Menschen, Ärgernisse, Aktivitätsmöglichkeiten – Gedanken zu machen und zusammen mit den »Aktionsforscher/innen« nach möglichen Lösungen zur Verbesserung ihrer Situation zu suchen.

Anders als bei einer repräsentativen Befragung gibt es bei der Aktivierenden Befragung keinen vorgegebenen Fragebogen, sondern in der Regel nur drei offene Fragen:

  • Wie finden Sie es hier in …?
    Was gefällt Ihnen? Was stört Sie?

  • Haben Sie Ideen, wie sich hier etwas verändern könnte?
    Wenn Sie hier etwas zu sagen hätten, was würden Sie ändern wollen?
  • Sind Sie bereit dafür etwas zu tun?
    Haben Sie Interesse zur Bewohnerversammlung zu kommen?

Durch die Gespräche geraten die Befragten, als »Expert/innen des Alltags« in diesem Quartier selber in einen neuen Prozess des Nachdenkens über ihre Situation, über das, was ihnen gefällt, was sie als Problem(e) ansehen, worüber sie sich ärgern, wer als »Schlüsselperson« anzusehen ist und was mögliche Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten sein könnten. Untrennbar mit den aktivierenden Befragungsgesprächen ist eine persönliche Begegnung verknüpft. Die Einladung zu einem Zusammentreffen mit anderen Interessierten gehört also unbedingt zu einer Aktivierenden Befragung dazu. Dort gibt es die Chance, Erfahrungen auszutauschen, Gemeinsamkeiten und ggf. gemeinsame »Empörung« zu entdecken und weitere gemeinsame Handlungsschritte zu verabreden.

Die acht Phasen der Aktivierenden Befragung

1. Phase: Formulierung eines Vorhabens

Warum sollen dieses Gebiet oder dieses Thema genauer untersucht werden? Was sind erste Vermutungen? Wie soll es nach der Befragung weiter gehen?

2. Phase: Voruntersuchung, Analyse und Auswertung

Was wird im Stadtteil direkt beobachtet – ggf. mittels einer »teilnehmenden Beobachtung«? Welche relevanten Informationen liefern statistische Daten zu Bewohner/innen nach Alter, Nationalität, Wohngeld-, Hartz IV-Bezug oder zur Bebauung nach Alter und Eigentumsverhältnissen? Welche Erkenntnisse brachten die ersten Gespräche mit beruflich tätigen Expert/innen?

3. Phase: Bewertung und Entscheidung, Konsequenzen aus der Auswertung

Reicht das Potenzial an Problemen und an Veränderungswillen für eine Aktivierung? Wie wird das Quartier sinnvoll zugeschnitten? Ist es sinnvoll, eine Aktivierende Befragung durchzuführen oder nicht?

4. Phase: Training und Vorbereitung der Befrager/innen

Wie und von wem soll befragt werden? (Entwicklung des Gesprächsleitfadens, Protokollbogen, Auswahl der Gesprächspartner/innen); Training der offenen Gesprächsführung mit denjenigen, die die Befragung durchführen (Befragende).

5. Phase: Hauptuntersuchung

Wie viele Menschen sollen in welchem Zeitraum befragt werden – wie viele Bewohner/innen, wie viele Fachleute oder Funktionsträger/innen? Wie werden diejenigen, die befragt werden sollen, im Vorfeld informiert – durch persönliche Ankündigungsschreiben, durch Aushänge oder Presse-Info? Für bestimmte Zielgruppen kann es notwendig sein, auch abgewandelte Settings zu planen, z.B. Gespräche mit Jugendlichen an deren Treffpunkten, Gruppengespräche mit Eltern in Kitas oder Gespräche bei Migrant/innenvereinen und im öffentlichen Raum.

6. Phase: Auswertung der Befragung

Wie lassen sich die Ergebnisse sinnvoll bündeln und darstellen?

7. Phase: Versammlung der Interessierten – Bildung von Aktionsgruppen

Wer lädt ein? Wie kann erreicht werden, dass möglichst viele Bewohner/innen kommen? Wie werden die Ergebnisse vorgestellt (Visualisierung, Sitzordnung)? Wie kann das gemeinsame Interesse der anwesenden Einwohner/innen herausgefunden werden? Wie können sich die Anwesenden zur Weiterarbeit zusammenfinden und verabreden?

8. Phase: Beratung und Begleitung der entstandenen Gruppen/Organisationen

Wie können Bewohner/innen unterstützt werden, gemeinsame Schritte erfolgreich zu gehen? Welche Aktions-, Arbeits- und Organisationsformen sind angemessen? Was ist die Aufgabe der begleitenden Fachkräfte? Was sollen sie wie lange tun und was nicht?

Wichtige Aspekte bei der Umsetzung – Prinzipien, Anforderungen, Spielregeln

Eine Aktivierende Befragung sollte nur dort begonnen werden, wo seitens des Auftraggebers (Geldgebers) Offenheit besteht, die von den Befragten benannten und problematisierten Themen auch wirklich anzugehen. Dazu gehören auch personelle Kapazitäten und fachliches Know How für die Zeit nach der Befragung, um neu entstandene Gruppen und Aktionsbündnisse begleiten zu können, damit sie auch wirklich etwas verändern und bewirken können.

Nicht akzeptabel ist es, wenn eine Aktivierende Befragung dazu benutzt wird, Menschen zu einem vorher bestimmten Ziel zu »aktivieren« (z.B. den Hof sauber zu halten). Wenn die Befragenden nicht offen für die Sichtweisen und für umfassendere Problemdefinitionen aus der Sicht der Betroffenen sind, handelt es sich eher um Manipulation. Aktivierung funktioniert nur dort, wo das Eigeninteresse und Selbstbestimmungsrecht des Gegenübers respektiert wird und die Befragenden sich nicht anmaßen zu wissen was für andere gut ist.

Eine Aktivierende Befragung sollte nur von Menschen durchgeführt werden, die sich umfassend mit der Philosophie und Praxis der Aktivierung und des »Empowerments« beschäftigt haben. Dazu gehört eine innere Haltung, die nicht »helfen«, sondern »Menschen vor Ort ermutigen und befähigen will, ihre Stimme zu erheben... und ihre Lebensverhältnisse gemäß der eigenen Interessen zu gestalten« (Herriger 2007, S. 231).

Die Befragenden müssen für ihre Aufgabe qualifiziert vorbereitet und begleitet werden und sollten – zumindest teilweise – auch weiter in diesem Gebiet tätig sein.

Die Ergebnisse der Aktivierenden Befragung »gehören« zuallererst den Befragten. Es ist ihre Entscheidung, zu welchen Fragen und Problemen sie sich engagieren wollen.

Die Interessen der Beteiligten (Geldgeber, durchführende und beteiligte Institutionen) sollten transparent gemacht werden, damit die Befragten wissen, wer mit welchen Zielen an dieser Aktion beteiligt ist und Zugang zu den Ergebnissen haben wird.

Organisatorischer Rahmen – Notwendiger Aufwand für die Vorbereitung, Umsetzung und Nachbereitung

Bevor mit einer Aktivierenden Befragung begonnen wird, sollte in der Phase der Voruntersuchung, Analyse und Auswertung gut geklärt sein, ob sich dieses Gebiet für eine Aktivierung eignet und ob personelle Kapazitäten für die »Folge-Arbeit« vorhanden sind. Es sollte unbedingt verhindert werden, dass Befragte erleben müssen, dass »großen Worten« und Untersuchungsergebnissen keine Taten folgen.

Um eine ausreichende Anzahl von Befragenden zu haben, hat sich die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen und Universitäten bewährt. Studierende können als Honorarkräfte gewonnen werden und/oder sich im Rahmen eines Praxisprojektes daran beteiligen. Allerdings ist es notwendig, dass sich vor allem auch die an der Befragung beteiligen, die später im Quartier arbeiten werden. Durch die Gespräche entstehen wichtige persönlich-öffentliche Verbindungen (im Unterschied zu persönlich-privaten Verbindungen), an die im Weiteren angeknüpft werden sollte.

Je nachdem wie viele Personen besucht werden sollen, ist ohne Vorbereitung allein für die Befragungen ein Zeitrahmen von 3 bis 6 Wochen anzusetzen.

Anwendungsfelder – Wann ist das Verfahren/die Methode sinnvoll einzusetzen, wann nicht?

Die Aktivierende Befragung macht überall dort Sinn, wo ein ernsthaftes Interesse besteht nicht für, sondern gemeinsam mit den betroffenen Menschen etwas zu verändern. Ein gängiges Beispiel ist der Beginn einer sozialraumorientierten Arbeit/ Gemeinwesenarbeit in einem bestimmten Wohnquartier.

Mit Hilfe der Aktivierenden Befragung können Menschen erreicht und als Akteure gewonnen werden, die sich in der Regel bei »klassischen Bürgerbeteiligungsverfahren« nicht beteiligen.

Die Aktivierende Befragung kann – angepasst an unterschiedliche Situationen – kleiner oder größer angelegt sein und anders genannt werden: Mitarbeitende sozialer Dienste können Elemente der akti­vie­ren­den Befragung in der Methode »10 Minuten nach dem Beratungsgespräch« nutzen, um nach dem Ende eines Beratungsgespräches einen Rollenwechsel vorzunehmen. Sie bitten die betreffende Person, ihr Wissen als »Experten des Alltags« in diesem Quartier mitzuteilen und darüber zu sprechen, welche Probleme, welche Ärgernisse und welchen Veränderungsbedarf es aus ihrer Sicht gibt (vgl. Lüttringhaus/Streich, 2004, S. 102 ff.). So haben z.B. Senioren- oder Nachbarschaftseinrichtungen, die ihr Angebot anpassen und verändern wollten, mit Hilfe einer »Zuhör-Aktion« (eine kleiner angelegten Aktivierende Befragung) neue Impulse und neue Akteure gewinnen. Auch in Vereinen oder Kirchengemeinden konnten über »Zuhörprozesse« neue Interessierte, neue Themen und ehrenamtlich Interessierte identifiziert werden (vgl. Richers, 2011 S. 53 ff.).

Stärken und Grenzen der Methode

Eine Aktivierende Befragung ist immer nur der Beginn eines längerfristigen Prozesses, der Raum geben soll für das Engagement von Bewohnerinnen und Bewohnern. Ob eine nachhaltige Aktivierung und eine Selbstorganisation der Einwohner/innen wirklich gelingt, hängt dann ganz wesentlich vom Geschick und Erfahrungshintergund der professionellen Begleiter/innen des Aktivierungsprozesses ab. Insbesondere bei vorhergehenden »Ohnmachtserfahrungen« und bei sehr komplexen Problemzusammenhängen ist vor überzogenen Erwartungen zu warnen. Eine große Gefahr besteht darin, dass aufkeimendes Interesse der Bewohner/innen durch gut gemeintes Stellvertreterhandeln und vermehrte Dienstleistungsangebote sofort wieder erlischt.

Literatur und Links

  • Eine eingehende Darstellung der Methode mit theoretischem Hintergrundmaterial (Alinsky, Hauser, Seippel, Hinte/Karas), ausführlichen Tipps aus der praktischen Arbeit sowie vielen Praxisbeispielen und Arbeitsmaterialien gibt das »Handbuch Aktivierende Befragung« (Lüttringhaus/Richers 2012) oder hier auf diesem Portal.
  • Alinsky, Saul D. (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften, Göttingen.
  • Forum Community Organizing/Stiftung Mitarbeit (2014) in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Community Organizing: Handbuch Community Organizing. Theorie und Praxis in Deutschland. Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn, 2. Auflage oder hier auf diesem Portal.
  • Hauser, Hephzibah/Hauser Richard (1971): Die kommende Gesellschaft, Handbuch für soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit, München/ Wuppertal.
  • Herriger, Norbert (2007): Empowerment: Perspektiven einer ressourcenorientierten sozialen Arbeit – Brückenschläge zur sozialräumlichen Arbeit. In: Hellwig, Uwe/Hoppe, Jörg Reiner/Termath, Jürgen (Hrsg.): Sozialraumorientierung – ein ganzheitlicher Ansatz, Forum Community Organizing e.V., Berlin.
  • Hinte, Wolfgang; Karas, Fritz (1989): Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit. Eine Einführung für Ausbildung und Praxis. Neuwied/ Frankfurt /Main.
  • Hinte, Wolfgan/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter (2009): Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit. Ein Reader für Studium, Lehre und Praxis, Münster.
  • Lewin, Kurt (1968): Die Lösung sozialer Konflikte, Bad Nauheim.
  • Lüttringhaus, Maria/Richers, Hille (2012): Handbuch Aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn, 3. Auflage.
  • Lüttringhaus, Maria/Streich, Angelika (2004): Das aktivierende Gespräch im Beratungskontext – eine unaufwendige Methode der Sozialraum- und Ressourcenerkundung. In: Gillich, Stefan (Hrsg.) (2004): Gemeinwesenarbeit: Die Saat geht auf. Grundlagen und neue sozialraumorientierte Handlungsfelder. Triga-Verlag, Gelnhausen, S. 102–108.
  • Richers, Hille (2004): Die Aktivierende Befragung als Basis für die Stärkung von Selbstorganisation in Stadtteilprojekten, Gemeinwesenarbeit und Quartiersmangement. In: Gillich, Stefan (Hrsg.) (2004): Gemeinwesenarbeit: Die Saat geht auf. Grundlagen und neue sozialraumorientierte Handlungsfelder. Triga-Verlag, Gelnhausen, S. 109–118.
  • Richers, Hille (2011): So kann eine Gemeinde den Stadtteil entdecken. In: König,Volker/Sommer-Loeffen, Karen (Hrsg.): Gemeinde aktiv im Stadtteil, Düsseldorf.
  • Seippel, Alf (1976): Handbuch Aktivierende Gemeinwesenarbeit, Gelnhausen/Berlin.
  • Stadtteilarbeit: stadtteilarbeit.de