Tipps zu den 8 Phasen

Seite 3: Zu Phase 5

Tipps zu Phase 5: Hauptuntersuchung

  • Wer mit Befragungen anfängt sollte einen Befragungsnachweis, Dienstausweis oder ein sonstiges glaubwürdiges Papier (z.B. Beauftragung durch den im Viertel ansässigen Bürgerverein; Kopie eines Schreibens der Uni o.ä.) haben, warum und in welchem Auftrag er oder sie diese Gespräche führt. Es ist ratsam diese Schreiben der verantwortlichen Organisation dabei zu haben, denn wir sollten davon ausgehen, dass Leute so selbstbewusst sind, dass sie zunächst einmal misstrauisch sind! Wenn die Ankündigungen im Vorfeld allerdings erfolgreich gelaufen sind, bleiben solche Papiere aber eher in der Tasche. Ein Einstieg, in dem man – wie Columbo – die Dienstmarke zückt, ist vermutlich nicht allzu hilfreich.
  • In einem Befragungsgebiet sollten mindestens 10% der Haushalte befragt werden (dies ist ein vager Richtwert).
  • Die Befragten sollten vorher informiert sein, dass jemand kommt. Am besten mit einem Handzettel oder einem persönlichem Anschreiben ein paar Tage vorher. Gut ist dabei auch, wenn Fotos von den Befrager/innen darauf zu erkennen sind.
  • Die Ankündigungen über gefaltete Informationsblätter oder Einladungen hat den Nachteil, dass sie für Werbezettel gehalten werden. Es macht nur ein wenig Mehraufwand, erzielt aber eine enorme Wirkung, wenn das Anschreiben in Briefumschläge getütet und vor dem Einwurf mit Blick auf das Briefkastenetikett auch noch der Name auf den Umschlag geschrieben wird. Der weitere Vorteil ist, dass man vor dem Briefkasten oft anhand des Namens die Nationalität einschätzen kann und so zudem die sprachlich passende Textkopie wählen kann.
  • Besonders hilfreich ist eine Mitteilung in der Presse, um die Bedeutung der Befragung hervorzuheben. Erleichternd ist dabei, dass die kostenlosen Werbeblätter und Lokalradios in der Regel mehr gelesen bzw. gehört werden als die (teure) Lokalzeitung.
  • Besuche zu zweit (zumindest am Anfang) fördern die Reflexionsmöglichkeiten. In größeren Familien kann man so auch mit mehren Personen sprechen: Vier Ohren hören mehr als zwei. Für manche Bewohner/innen kann das Auftreten von zwei Personen allerdings auch beängstigend wirken. Gemischte Teams sind meistens von Vorteil. Reine Männerteams wecken tendenziell schon mal eher das Misstrauen und erschweren meist den Kontakt zu Frauen, insbesondere des islamischen Kulturkreises. Wenn besondere Zielgruppen erreicht werden sollen, können gemischte Teams sehr hilfreich sein: Ein Deutscher und eine Migrant/in, eine ältere und eine jüngere Person.
  • Es ist anstrengend, aktivierende Gespräche zu führen und das Eigeninteresse des Gegenübers zu erfassen. Richtlinien, wie viele Gespräche man an einem 7,5-Stunden-Tag führen kann, sind schwer zu definieren. Das ist abhängig von der Auskunftslust der Befragten (»Na gut, 10 Minuten habe ich Zeit«), wie viel Zeit man für das drum herum benötigt (»Kommen Sie doch rein auf eine Tasse Kaffee«), wie viel Fülle an Inhalten mir mein Gegenüber liefert (»Juchu – eine Schlüsselperson!«), von der Zeit, die mich das Herumlaufen kostet (»Schon wieder war keiner im ganzen Haus zu erreichen«). Einige Rückmeldungen, die uns erreichten, plädierten dafür, 4–6 Befragungen pro Tag zu kalkulieren. Wir wehren uns da eher gegen starre, niedrige Richtwerte, aber auch gegen eine Überfrachtung im Vorfeld.
  • Wenn mehrere Befrager/innen gleichzeitig unterwegs sind, ist es gut einen Treffpunkt zu haben, an dem die Befrager/innen zusammen kommen können, um Tee zu trinken, eine Pause einzulegen, um schwierige Situationen mit einer (möglichst konstanten) Ansprechperson gleich besprechen können (»Coaching« der Befrager/innen), aber auch um Ergebnisse zusammenzutragen (siehe Phase 6). Alternativ könnte ein »Reflexions-Jour-Fix« pro Woche angeboten werden.
  • Für die Dauer einer Aktivierenden Befragung sind verschiedene Modelle denkbar, je nach Zeitbudget der Beteiligten: 1 Woche, 3 Wochen bis maximal 6-8 Wochen. Der Zeitrahmen sollte überschaubar bleiben, damit die Befragten noch den Zusammenhang zwischen Befragung und später stattfindender Bewohnerversammlung erkennen können.
  • Wenn im Gespräch andere Menschen als »Problem« benannt werden (»Die Ausländer stören; die Kinder nerven ...«), ist es unerlässlich, die dahinter liegende Situation zu erkunden, enn wir können nur dazu beitragen, Situationen und/oder Handlungen zu verändern. Hier gilt es nicht darüber zu diskutieren, sondern sofort die Frage anzuschließen: »Welche konkreten Erfahrungen haben Sie gemacht?«. Damit trennen wir auch »die Spreu vom Weizen« und können unterscheiden zwischen Vorurteilen und den – dann oftmals nachvollziehbaren – eigenen konkreten Erfahrungen der befragten Menschen.
  • Skepsis bei den Befragten über das Mitschreiben kann beseitigt werden, wenn der Grund für das Mitschreiben benannt wird und zwar so, dass die Befragten den Nutzen erkennen, den sie selber davon haben: »Die Dinge, die Sie benennen, sind uns wichtig. Sie sollten nicht verloren gehen, darum notiert meine Kollegin dies mit. Wir halten das ohne Namensnennung fest. Ist das so o.k.?«
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus und Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.