Aktivierende Befragung

Seite 1: Beschreibung, Anwendungsfelder

Beschreibung

Ein trauriger, ein fröhlicher, ein gleichgültiger Mensch auf je einer Spielkarte.

Die Aktivierende Befragung, ein Ansatz von Aktionsforschung  (Hinte/Karas 1989:42), ist eine Methode, um in einem begrenzten Gebiet die Sichtweisen, Interessen und  Bedürfnisse der dort lebenden Menschen zu erfahren. Im Unterschied zu anderen Untersuchungs- oder Befragungsmethoden ist eine Aktivierende Befragung gleichzeitig der völlig offene Beginn von Veränderungen durch Aktionen der dort lebenden und betroffenen Bürgerinnen und Bürger.

Die Methodik der Aktivierenden Befragung wurde im Rahmen von Gemeinwesenarbeit in benachteiligten Wohnquartieren entwickelt. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur dann bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse liegt und sie von dessen Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es durch aktivierende Gespräche herauszufinden, wie die Betroffenen denken und fühlen, was sie als veränderungsbedürftig ansehen und was sie bereit sind zu tun, damit sich etwas ändert.

Eine Aktivierende Befragung nutzt offene Fragen. Keine »Ja-Nein-Fragen« oder Fragen zum Ankreuzen im multiple-choice Verfahren! Entscheidend ist das aktivierende Befragungsgespräch, bei dem aus der »vorsichtigen Position des neugierigen, noch nicht festgelegten, gelehrten Nichtwissens« (Szynka 2003) das Expert/innenwissen der Befragten erkundet wird. Dabei geraten die Befragten selber in einen neuen Prozess des Nachdenkens  über ihre Situation, über das, was ihnen gefällt, das, was sie als Problem(e) sehen, worüber sie sich ärgern, wer als  »Schlüssel-Person« anzusehen ist  und was mögliche Handlungs- und Lösungsideen sein könnten. Untrennbar verbunden mit den aktivierenden Befragungsgesprächen ist die Einladung zu einem Zusammentreffen mit anderen Interessierten, um Erfahrungen und Empörung  auszutauschen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und weitere gemeinsame Handlungsschritte zu verabreden.

Eine Aktivierende Befragung ist keine kurzfristige Aktion, sondern der Beginn eines längerfristigen, offenen demokratischen Prozesses,  der – in der Regel – weiterer professioneller Begleitung bedarf.

Zu einer aktivierenden Befragung gehören folgende Elemente/Phasen:

  • Formulierung eines Vorhabens
  • Voruntersuchung, Analyse und Auswertung
  • Bewertung und Entscheidung – Konsequenzen aus der Auswertung
  • Training und Vorbereitung der Befragerinnen und Befrager
  • Hauptuntersuchung
  • Auswertung der Befragung
  • Versammlung der Interessierten und Bildung von Interessen- oder Aktionsgruppen
  • Beratung und Begleitung der entstandenen Gruppen/Organisationen.

Anwendungsfelder

Anwendungsfelder sind vor allem in der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit zu sehen, wo kleinräumig gearbeitet werden kann und es darum geht, nicht für, sondern mit den betroffenen Menschen gemeinsam Veränderungen durch deren Handeln zu bewirken.

Das geht aber nur dort, wo seitens des Auftraggebers Offenheit besteht, die Themen, die von den Befragten benannt und problematisiert werden, anzugehen oder angehen zu lassen. Dies kann zu Beginn von neuen Projekten der Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit sein, aber auch zur Erneuerung und Verbesserung von bestehenden Dienstleistungsangeboten (Stadtteilzentren, Quartiersmanagement o.ä.) in einem bestimmten Wohngebiet oder zur Neubelebung und Auffrischung von bestehenden Bürger/innen-Organisationen (Bürgervereinen o.ä.).

Ziele von Aktivierenden Befragungen können sein:

  • die Förderung von selbstbestimmtem Engagement betroffener Bürger/innen in ihrem Lebensraum,
  • die Herstellung von Kontakten zu Bewohner/innen, Kennenlernen ihrer Sichtweisen und Ressourcen,
  • die Unterstützung von Bewohner/innen, sich über ihre eigenen und ihre gemeinsamen Interessen bewusster zu werden,
  • die Grundlage zu schaffen für weiteres, organisiertes, gemeinsames Vorgehen von Bürger/innen,
  • die Verbesserung von Angeboten und Dienstleistungen im Sinne von an Ressourcen orientierter Arbeit,
  • die Identifizierung der Themen und Sichtweisen der Bewohner/innen in einem bestimmten Quartier,
  • die Erneuerung der Aktivitäten und des Programms bestehender Bürger/innen- Organisationen und
  • das Herausfinden von Anknüpfungspunkten zur Einbeziehung neuer, interessierter aktiver Mitstreiter/innen in bestehende Organisationen.

Nicht akzeptabel ist, eine Aktivierende Befragung dazu zu benutzen, Leute zu einem vorher bestimmten Ziel  zu »aktivieren« (z.B. »den Hof sauber halten!«). Wenn die Befrager/innen nicht offen für die Sichtweisen und für umfassendere Problemdefinitionen der Betroffenen sind, handelt es sich eher um Manipulation. Aktivierung, so wie ich sie verstehe, respektiert das Eigeninteresse und Selbstbestimmungsrecht des Gegenübers und maßt sich nicht an, zu wissen, was für andere gut ist.

Abzulehnen ist es auch, wenn (aktivierende) Befragungen allein dazu durchgeführt werden, qualitativ bessere Daten zu einem bestimmten Gebiet zu erhalten. Wenn die befragten Menschen später keinen Zugang zu den Daten haben, kein Ort der Zusammenkunft und keine Möglichkeiten zu eigenständigem und eigensinnigem Handeln geschaffen werden, handelt es sich um Missbrauch der Methode.