Fußnoten

(1) Der Text wurde weitgehend in der Originalversion belassen, ledigliche Verweise auf Materialien, die sich nur im Originalband befinden, wurden gekürzt.

(2) Ritter, Aktionsuntersuchung. In: W. Schneider (Hrsg.): Aktion heute, Wuppertal 1970, S. 57 – Ernst Bloch bringt das Problem des Zugangs zum Menschen und das seines »In-Bewegung-Setzens« zur Sprache: »(Es gilt) auch für gute Ohren, für den Mann, der sich etwas sagen lässt: Damit er zuhört, muss er von seiner eigenen Lage her gepackt sein, und zwar zunächst von seiner Lage, wie sie sich ihm spiegelt. Erst dann hat das Weitere Aussicht, gehört und verstanden zu werden, erweckt Vertrauen. Das aber gelingt nie von außen und von oben her« (Ernst Bloch, Prager Weltbühne [1937], 1973, 403).

Will die untersuchende Gruppe, die eine Veränderungsstrategie verfolgt, Einsicht und fremde Erfahrung in den Lernprozess einbringen, d.h. vermitteln, muss sie die »eigene Lage« des anderen, wie sie sich diesem spiegelt, in Erfahrung bringen; d.h. sie lässt sich selbst auf einen Prozess des Lernens ein: »Das Prinzip ‚mit der Arbeiterklasse lernen› bedeutet für uns, dass wir zwar die objektive Klassenlage zu kennen glauben, jedoch nicht wissen, was den Leuten auf den Nägeln brennt. In diesem Sinne behandeln wir die Befragten als ›Fachleute‹ für ihr eigenes Leben!« (Peters/Schürmann, Stadtteilarbeit. In: Bahr, Hans-Eckehard/Gronemeyer, Reiner (Hrsg.): Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit, 1974, S. 181).

Das methodische Prinzip, bei unmittelbarer Betroffenheit und beim subjektiven Bewusstsein des Handelnden anzusetzen, unterstellt also nicht, dass das subjektive Bewusstsein den objektiven Sinn ihres historischen Lebenszusammenhangs tatsächlich auch erfasse. Aber sofern kollektive Lernprozesse initiiert werden, die nicht durch Informationen von oben gesteuert werden, sondern sich an elementaren Bedürfnissen des Nahbereichs orientieren, also selbsterlebte Konflikte, Leidensdruck und Befreiungserfahrungen von Ohnmacht und Fremdbestimmung einschließen, besteht die Chance, dass dabei der »subjektiv vermeinte Sinn« (vgl. Habermas, Wissenschaftstheorie, 184) aufgebrochen und überholt wird

(3) Hauser, 452.

(4) Vgl. die methodische Arbeit Essener Berufsschullehrer mit Lehrlingen, in: Weiler/Freitag, Ausbildung statt Ausbeutung (1971).

(5) Von Karl Marx liegt ein »Fragebogen für Arbeiter« (1880), abgedruckt in Kursbuch 21/1970, 9–14, vor: »Wir hoffen (für diese Untersuchung) auf die Unterstützung aller Arbeiter in Stadt und Land, die begreifen, dass nur sie allein in voller Sachkenntnis die Leiden schildern können, die sie erdulden; dass nur sie allein und keine von der Vorsehung bestimmten Erlöser energisch Abhilfe schaffen können gegen das soziale Elend, unter dem sie leiden; wir rechnen auch auf die Sozialisten aller Schulen, die, da sie eine soziale Reform anstreben, auch die genaue zuverlässige Kenntnis der Bedingungen wünschen müssen, unter welchen die Arbeiterklasse, die Klasse, der die Zukunft gehört, arbeitet und sich bewegt.« (9). Karsunke/Wallraff weisen (15 f.) im Rückgriff auf einen Aufsatz von Hilde Weiss (Die ›Enquete Ouvrière› von Karl Marx, 1936) auf die Doppelfunktion des Marx›schen Fragebogens hin: Gewinnung von Daten (Faktenermittlung) durch Befragung der betroffenen Arbeiter und Bewusstseinserhellung, weil beim ernsthaften Versuch, die Fragen zu beantworten, die gesellschaftliche Bedingtheit der eigenen Lebensumstände zum Bewusstsein gebracht wird. »Er gewinnt Einsicht in . . . und lernt Mittel und Wege zur Aufhebung des Lohnarbeiterverhältnisses, zu seiner Befreiung kennen« (Weiss; Hervorhebung von mir).

Diese Frageaktion, wie die aktualisierte Variante von Karsunke/Wallraff (2–8), musste am Sachverhalt scheitern, dass ein umfangreiches Schriftstück (90 Fragen) zur schriftlichen Beantwortung vorgelegt wurde. Die Erwartung der Verfasser (insbesondere von Weiss) einer Veränderung des Bewusstseins zu einem kritischen Bewusstsein und einer Veränderung der Lage durch die Arbeiter selbst, die durch qualifizierte situationsnahe schriftliche Fragen zum Nachdenken und Nachfragen angeregt werden sollen, überschätzt diesen ferngesteuerten papiernen Stimulus. Es wird dabei unterstellt, dass der Weg kritischer Bewusstseinsbildung zugleich eine Mobilisierung (zunächst fehlgeleiteter) menschlicher Kräfte gegen das herrschende Unwesen darstelle (Verhaltensänderung). Diese Gleichsetzung übersieht den Grad und die Unterschiede der Beschädigungen der durch die »Daten« lange Verformten. Die Herstellung von Öffentlichkeit als realer Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen – um die es hier im Produktionsbereich geht (Selbstbestimmung der Produzenten am Arbeitsplatz) – läuft nicht über zunächst kognitiv erfasste Mittel und Wege zur eigenen Befreiung, sondern über den Weg der Gegenerfahrungen gegen reale Ohnmacht. Dabei leisten allerdings kluge Fragen und praxisrelevante Informationen entscheidende Dienste.

(6) Zur Methodik der Befragung vgl. Hauser 38. Umfragen 431–452; Mayntz, Renate et al.: Einführung in die Methoden der empirischen Sozio­logie, Opladen 1971, S. 5. Befragung 103–121; Schrader, Achim: Einführung in empirische Sozialforschung, Stuttgart 1971, §§ 20–25 Befragung, 94–122.

(7) Peters/Schürmann, Stadtteilarbeit. In: Bahr, Hans-Eckehard/Gronemeyer, Reimer (Hrsg.): Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit, Darmstadt 1974, S. 181.

(8) Ritter, Martin, Aktionsuntersuchung. In: Schneider, Wolfgang (Hrsg.), Aktion Gemeinde heute, Wuppertal 1970, S. 64.

(9) »Es müssen (...) Wege gefunden werden, um im Betrieb, in den Gewerkschaften, in den Gemeinden, Schulen, Hochschulen etc. die Kompetenz der fachlich für die Aufgabenlösung besonders Vorgebildeten mit den Bedürfnissen, Überlegungen und Erfahrungen der breitesten, unmittelbar betroffenen Massen in organisatorische Verbindung zu bringen, sodass nicht der fachlich Geschulte mit seinen zweckrationalen Überlegungen (...) den anderen zu beherrschen in der Lage ist.« (Jouhy, Ernest: Zur Theorie der Bürgerinitiativen. In: Rundbrief 3–73, S. 17).