Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit 2 (4)
Was führt dazu, dass Migrantenfamilien unterstützende Angebote nutzen?
Um unterstützende Angebote so zu gestalten, dass auch Migrantenfamilien sie als attraktiv erachten und nutzen, müssen die genannten Barrieren so weit als möglich beseitigt oder zumindest wahrgenommen und berücksichtigt werden. Das A&O scheint dabei das professionelle Selbstverständnis zu sein und eng damit verbunden die deutlich zum Ausdruck gebrachte interkulturelle Offenheit einer Trägerinstitution.
Die verstärkte Ansprache von Migrantenfamilien und das Eingehen auf ihre Lebenssituation, ihre Ressourcen und kulturellen Besonderheiten bedeutet auch eine ziemliche Herausforderung für die Fachkräfte. Darauf müssen sie sich erst einmal einlassen (können). Dazu gehört dezidiert anzuerkennen, dass Migrantenfamilien selbstverständlich zum eigenen Adressatenkreis und Zuständigkeitsbereich gehören. Erst der professionelle, im institutionellen Leitbild verankerte Anspruch, für alle gleichermaßen zugänglich und unterstützend zu sein, motiviert dazu, immer wieder kreativ nach den jeweils angemessenen Zugangsstrategien und methodischen Herangehensweisen zu suchen. Dieser Anspruch muss nicht notwendigerweise in einem formell verabschiedeten Leitbild verankert sein. Viel wichtiger ist ein deutlich spürbarer Geist von Offenheit, der eine Atmosphäre des Willkommen-Seins und der sozialen Wertschätzung erzeugt. Dieser sollte verbunden sein mit einer fortwährenden internen fachlichen Reflexion, die darauf abzielt, Zugangsbarrieren für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu minimieren und die Einhaltung von Qualitätsstandards zu garantieren.
Das Konzept der Interkulturellen Öffnung beinhaltet die Forderung, Migrantenfamilien grundsätzlich als Klientel der Regeleinrichtungen anzusehen und dies in einem Leitbildprozess deutlich zu machen, anstatt – insgeheim oder offen – zu erwarten, dass sich Extra-Einrichtungen um sie kümmern. Analog spricht man im Konzept der Sozialraumorientierung von »Generalisierung statt Spezialisierung« und plädiert dafür, die wohnortnahen Regeleinrichtungen zu stärken, um sie zu befähigen, besser mit Heterogenität umgehen zu können, anstatt Spezialeinrichtungen in Anspruch zu nehmen.
Solange dagegen versäumt wird, die Regeldienste zu stärken, bleibt zu erwarten, dass die dort Tätigen versucht sind, soviel Homogenität wie möglich herzustellen. Nicht etwa, weil sie Vielfalt (Heterogenität, Diversität) an sich ablehnen würden, sondern weil sie davon ausgehen, dass ihnen sonst die Arbeit über den Kopf wächst. So sind Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation expliziter als sonst gefordert, von ihrem eigenen Bezugssystem Abstand zu nehmen. Sie müssen dazu bereit sein, sich auf »Fremde« einzulassen, Neues zu lernen, sich anders zu orientieren, ihre Arbeit umzustrukturieren und sich damit von Wissens- und Handlungsroutinen des eingespielten Berufsalltags zu lösen. Nur so kann es ihnen gelingen, wie im Konzept der Sozialraumorientierung postuliert, qualitativ hochwertige maßgeschneiderte Unterstützungsangebote zu machen, welche den Interessen, Bedürfnissen und Ressourcen von Migrantenfamilien entsprechen.
Hinter dieser Forderung nach passgenauen Angeboten steht das Postulat der Anerkennung und die Warnung vor der Kolonialisierung von Lebenswelten (vgl. HABERMAS 1981 u. THIERSCH 2005). In Bezug auf Migrantenfamilien impliziert dies nicht nur die Wertschätzung unterschiedlicher Sprachen und Religionen, sondern auch die Anerkennung ihrer jeweiligen Kommunikationsformen, Familienkulturen, Geschlechterrollen und Erziehungsstile, ebenso wie die positive Würdigung ihrer sozialen Netzwerke und der diversen ethnischen Organisationen, von denen sie sich vertreten fühlen (vgl. AUERNHEIMER 2006).
Bei den Mitarbeitenden steht einem ausdrücklichen »Ja zur Vielfalt« jedoch oft die Angst vor der Mehrbelastung entgegen, die sich aus Sprachschwierigkeiten, kulturellen Unterschieden oder spezifischen Empfindlichkeiten von Migranten und Migrantinnen ergeben könnte. Angesichts massiver Personaleinsparungen und Mittelkürzungen erscheinen solche Bedenken durchaus verständlich und sind ernst zu nehmen.
Die Interkulturelle Öffnung der Regeleinrichtungen und –angebote erfordert daher eine bessere Ausstattung mit Ressourcen. »Integration statt Aussonderung - Generalisierung statt Spezialisierung«, diese Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung dürfte sich in multikulturellen Sozialräumen nur dann wirklich realisieren lassen, wenn es gelingt, mehr interkulturelle Kompetenz in den Regeleinrichtungen zu lokalisieren. Dazu gehört zum einen die Weiterqualifizierung der Mitarbeiterschaft und zum anderen die Besetzung neuer Stellen mit Professionellen, die interkulturelle Kompetenz mitbringen.

Von welcher Kompetenz sprechen wir, wenn wir für »interkulturelle« Kompetenz plädieren? Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine Basiskompetenz Sozialer Arbeit, sprich um die Fähigkeit, angemessen mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren. Das erfordert ein personenorientiertes, flexibles Eingehen auf das jeweilige Gegenüber, eine annehmende und respektierende Haltung sowie eine ausgeprägte Fähigkeit zu sozialer Interaktion. Aber warum sollte das bei Migrantenfamilien schwieriger zu realisieren sein als bei anderen? Nun, eine Besonderheit der interkulturellen Kommunikation liegt darin, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung von Migrantenfamilien durch verallgemeinernde Stereotype erheblich beeinflusst wird. Wie wir am Beispiel der Diskurse über Heiratsmigrantinnen gezeigt haben, ist das Bild, das man sich hierzulande von Migranten und Migrantinnen macht, stark von Täter- und Opferdiskursen (patriarchale Parallelgesellschaft, unterdrückte Frau) geprägt.
Diese Diskurse wiederum bieten scheinbar auch eine Erklärung dafür, dass Migrantenfamilien nur unterdurchschnittlich von freiwilligen, präventiven, unterstützenden Angeboten Sozialer Arbeit Gebrauch machen: Denn angeblich lehnen sie diese Angebote entweder aus eigener Überzeugung ab oder aber sie werden von ihrer Umgebung davon abgehalten, sie wahrzunehmen. Der Schwarze Peter liegt damit klar auf der Seite der Migrantenfamilien und nicht auf der der Sozialen Arbeit.
Interkulturell kompetentes Handeln erfordert daher, genau hinzusehen, welcher Qualität die »Informationen« sind, die in der Öffentlichkeit über Migrantenfamilien kursieren, um sie nicht als entlastende Begründung dafür zu nehmen, dass man mit diesen Familien nicht erfolgreich arbeiten kann, weil sie vermeintlich nicht dazu bereit sind. Ein wichtiger Schritt, den Professionelle in einer interkulturellen Arbeitssituation vornehmen müssen, ist die Dekonstruktion von verallgemeinernden Diskursen. Dies ist besonders wichtig, weil Migranten und Migrantinnen in ihrem Alltag häufig die Erfahrung machen, dass aufgrund der weit verbreiteten Klischees ohnehin jeder davon überzeugt ist, dass er über sie Bescheid weiß. Gerade Kopftuchträgerinnen berichten immer wieder davon, dass sie schnell als unterdrückt und hilflos eingestuft werden. Viele müssen tagtäglich mit solchen und ähnlichen stereotypen Zuschreibungen umgehen und reagieren entsprechend empfindlich, weil sie sich als Subjekt und Individuum verkannt und missachtet fühlen. Umso wichtiger ist die bewusste Distanzierung der Professionellen von solchen Klischees.
»Ressourcenblick statt Defizitblick« lautet die hierzu passende Maxime aus dem Konzept der Sozialraumorientierung. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich unsere Aufmerksamkeit für »Klienten« allzu oft automatisch auf deren Defizite richtet und ihre Stärken vernachlässigt. Daher wird in Trainings zur Sozialraumorientierten Arbeit zunächst der Blick für Stärken geschärft. Entsprechend gilt es bei der Arbeit mit Migrantenfamilien darauf zu achten, dass die Wahrnehmung nicht durch Täter- bzw. Opferdiskurse getrübt wird, sondern frei ist für die Individualität des Gegenübers. Angesichts der Kraft, die diese Diskurse besitzen, gehört es zum Training interkultureller Kompetenz, sich bewusst zu machen, wie sehr man selbst durch solche Diskurse beeinflusst wird und adäquate Gegenstrategien zu entwickeln. Interkulturelles Lernen ist daher immer auch »selbstreflexives Lernen«, das sich gleichsam gegen die eigenen Gewohnheiten und Routinen des Wahrnehmens richtet (vgl. HAMBURGER 2006 u. AUERNHEIMER 2006). Ein Mittel hierzu ist das konsequente Bemühen, a) jeden Menschen als Individuum wahrzunehmen und b) bewusst die Aufmerksamkeit auf solche Aspekte zu lenken, die den üblichen Klischees widersprechen.
Die Beispiele erfolgreicher Ressourcenarbeit mit Migrantenfamilien, die wir im Rahmen unserer Studie entdeckt haben, zeichnen sich oft gerade dadurch aus, dass kultur- und migrationsspezifische Eigenarten, die im öffentlichen Diskurs als unpassend, fremdartig und hinderlich etikettiert werden, erfolgreich als Ressource genutzt werden konnten. Hierzu zählen etwa ein starker familiärer Zusammenhalt (oftmals eindimensional interpretiert als »Druck und Kontrolle«), intensive eigenethnische Netzwerkbeziehungen (sie gelten schnell als »Parallelgesellschaft«) oder die väterliche Sorge um die Zukunft der Söhne (in der Regel betrachtet als »Machismo«).


