Sozialraumorientierte interkulturelle Arbeit 1 (4)
Theoretische Überlegungen zum Abschluss
von Gaby Straßburger
Die in dieser Praxishilfe präsentierten Beispiele erfolgreicher Arbeit mit Migrantenfamilien zeigen deutlich, dass die methodischen Prinzipien der Sozialraumorientierung gerade bei dieser Zielgruppe ausgesprochen hilfreich sind. Präventive unterstützende interkulturelle Arbeit gelingt offensichtlich gerade dann, wenn ein konsequent sozialraumorientierter Ansatz praktiziert wird. Daher scheint es uns angebracht, abschließend zu beleuchten, wie die beiden zentralen Konzepte ineinander greifen, die dieser erfolgreichen Arbeit zugrunde liegen.
- Da ist zum einen das Konzept der »Interkulturellen Öffnung der Sozialen Dienste«, das insbesondere Wolfgang Hinz-Rommel und Stefan Gaitanides vertreten,25 und
- zum anderen das Konzept der »Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit«, eng verbunden mit dem Namen Wolfgang Hinte.26
Die Forderung nach interkultureller Öffnung zielt darauf ab, gestützt durch den Prozess der Formulierung eines interkulturellen Leitbildes, die Nutzung sozialer Regeldienste für Menschen mit Migrationshintergrund ebenso selbstverständlich und erfolgreich werden zu lassen wie für einheimische Deutsche. Dazu müssen Zugangsbarrieren abgebaut und interkulturelle Kompetenzen verstärkt werden.
Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit fordert ebenfalls eine Flexibilisierung bisheriger Arbeitsstrukturen, so dass sie den Bedürfnissen der Adressaten besser entsprechen. Sozialraumorientierung setzt zudem auf die Anerkennung und Stärkung individueller Fähigkeiten und auf die Mobilisierung der Ressourcen von sozialen Netzwerken und der wohnortnahen Infrastruktur. Zentral ist das konsequente Ansetzen an den Interessen der jeweiligen Adressaten. In einer durch Migration geprägten Gesellschaft impliziert dies, selbstverständlich auch die vielfältigen Lebenskonzepte von Menschen mit Migrationshintergrund aufzugreifen und die Ressourcen wahrzunehmen, die ethnische Netzwerke und Organisationen zu bieten haben.
Erstaunlicherweise werden die Konzepte Sozialraumorientierung und Interkulturelle Öffnung bislang selten in Zusammenhang gebracht. Doch gerade in Stadtteilen mit hoher ethnischer Vielfalt sind sie in der praktischen Arbeit so eng miteinander verbunden, dass die Diskussion über Sozialraumorientierung nahezu automatisch mit Überlegungen zur Interkulturellen Öffnung einhergehen müsste. Dennoch tauchen Begriffe wie »Migration«, »Interkulturalität« und »Interkulturelle Öffnung« in den einschlägigen Publikationen so gut wie nie auf.
Das wäre allerdings auch nicht weiter erwähnenswert, wenn wir bereits so weit wären, dass sich die Regeldienste der Sozialen Arbeit allgemein interkulturell geöffnet hätten. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Deshalb scheint es uns wichtig, die bisweilen in Vergessenheit geratene Forderung nach Interkultureller Öffnung in die aktuelle Debatte um Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe einzubeziehen. Bislang stehen vor allem Bemühungen, Migrantenfamilien mit unterstützenden Angeboten frühzeitig anzusprechen, noch in den Anfängen.
Das gegenwärtige Angebot von Familienbildungsstätten erreicht nur 5% der Mütter und Väter, darunter fast ausschließlich Eltern, die der Mittelschicht angehören und für Fragen der frühen Bildung und Erziehung bereits aufgeschlossen sind. Dagegen werden Migrantenfamilien mit diesen oft kostenpflichtigen Programmen (z.B. Prager Eltern-Kind- Programm) kaum erreicht (vgl. BMFSFJ 2005:258ff). Angesichts solcher Beobachtungen erscheint es um so erstaunlicher, dass im Kontext der Sozialraumorientierung die spezielle Perspektive der so genannten bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund zwar immer wieder als brisantes Thema benannt wird, empirisch jedoch bislang kaum aufgegriffen wurde (vgl. STRAßBURGER/ BESTMANN 2006).
Wir versuchen mit unserer Studie, diese Lücke zu schließen und möglichst praxisnah zu zeigen, wie konsequente sozialraumorientierte Arbeit gepaart mit interkultureller Kompetenz dazu führt, dass auch Migrantenfamilien profitieren. Zum Abschluss wollen wir nun dezidiert auf einer allgemeineren Ebene diskutieren, wie die Konzepte Interkulturelle Öffnung und Sozialraumorientierung ineinander greifen. Dazu beleuchten wir, warum Standardangebote an den Bedürfnissen von Migrantenfamilien vorbei- und sozialraumorientierte Angebote darauf eingehen. Wir verstehen diese essayistischen Ausführungen nicht zuletzt als Anregung, künftig verstärkt interkulturell bedeutsame Aspekte der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit zu thematisieren und sie in die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Fachkräften zu integrieren.
Was hindert viele Migrantenfamilien, unterstützende Angebote zu nutzen?
Letztlich gibt es drei Gründe, die dazu führen, dass Migranten- familien unterstützende Angebote nur unterdurchschnittlich nutzen (vgl. GAITANIDES 2006: 225f u. STRAßBURGER/ AYBEK 2006).
Zentrale Barrieren der Inanspruchnahme:
- Mangelnde Lebensweltorientierung der Angebote
- Eingeschränkte Erfahrungen mit Sozialer Arbeit im Herkunftsland
- Fehlendes Vertrauen in monokulturell erscheinende Angebote
Die erste Barriere besteht darin, dass sich viele Angebote nicht ausreichend an der Lebenswelt ihrer Adressaten orientieren. Häufig geht schon die Konzeption von Angeboten an deren Alltagsrealität vorbei. Wohnortferne, unflexible Öffnungszeiten, Komm-Struktur, eng begrenzte Zuständigkeiten, Teilnahmegebühren etc. sind Faktoren, die insbesondere wirtschaftlich benachteiligte und stark in den Familienalltag eingebundene Bevölkerungsgruppen davon abhalten, Angebote wahrzunehmen. Mittelschichtorientierte Arbeitsansätze wie z.B. themenspezifische Seminare in Kursform oder zu wenig lebenspraktische Unterstützung sind weitere Hemmschwellen, über die keineswegs nur Migrantenfamilien stolpern.
Von den beiden anderen Barrieren sind dagegen speziell Personen mit Migrationshintergrund betroffen, da erstere auf Erfahrungen aus dem Herkunftsland basieren und letztere damit zu tun haben, wie Migranten und Migrantinnen in Deutschland behandelt werden. So bringt etwa die erste Generation bisweilen Erfahrungen aus ihrem Herkunftsland mit, die sie davon abhalten, überhaupt auf die Idee zu kommen, sich professionelle Unterstützung zu holen. Das liegt daran, dass Soziale Arbeit in einigen Herkunftsländern eine andere Funktion hat (zum Beispiel ausschließlich helfend oder kontrollierend tätig wird), so dass es dort kaum präventive und unterstützende Angebote gibt. Diese Barriere sollte man allerdings nicht überbewerten, da viele Migranten und Migrantinnen bereits seit geraumer Zeit in Deutschland leben, so dass die Erfahrungen, die sie hierzulande machen, für die meisten weit bedeutsamer sind als die Erfahrungen aus dem Herkunftsland.
Deutlich schwerer wiegt daher die dritte Barriere. Sie beruht auf fehlendem Vertrauen in die interkulturelle Sensibilität der Fachkräfte bei Angeboten, die auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, monokulturell ausgerichtet zu sein, weil beispielsweise ausschließlich Einheimische dort beschäftigt sind. Angehörige von Migrantenfamilien haben bisweilen wenig Vertrauen in solche Angebote, weil sie wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass diese letztlich nur für Einheimische gedacht und konzipiert sind, so dass Migranten und Migrantinnen dort schnell in die Position von Exoten und Außenseitern geraten.
Solche Erfahrungen können dazu führen, dass sie bei einem Projekt, an dem nur Einheimische mitwirken, daran zweifeln, ob ihnen dort wohl genügend Offenheit und Empathie entgegen gebracht wird. Obendrein liegt die Befürchtung nahe, dort mit dominanten Erwartungen und stereotypen Zuschreibungen konfrontiert zu werden. Das kann beispielsweise die für viele Einheimische selbstverständliche Erwartung sein, dass Treffen gemischtgeschlechtlich abgehalten werden. Wer das nicht mag, wird schnell als übertrieben konservativ, fundamentalistisch oder zumindest unterdrückt angesehen. Auch die Zuschreibung bestimmter kultureller Eigenschaften kann verhindern, dass eine vertrauensvolle Beziehung entsteht. So wird eine Mutter, die in einer Beratungssituation erwähnt, dass sie sich im Moment überfordert fühlt, eine scheinbar mitfühlende Reaktion nach dem Motto »ja, in Ihrem Kulturkreis haben es Frauen wirklich nicht leicht«, wohl kaum als Anreiz empfinden, mehr über ihre aktuelle Gefühlslage zu erzählen. Vielmehr wird sie sich veranlasst sehen, einen Rückzieher zu machen, weil sie merkt, dass nicht auf sie persönlich eingegangen wird.
Das Vertrauen von Migrantenfamilien in die Verständigungs- möglichkeit mit deutschen Fachkräften kann darüber hinaus durch die Befürchtung eingeschränkt sein, sich auf Deutsch nicht angemessen ausdrücken zu können. Diese Unsicherheit kann dazu führen, Beratungsangebote, die stark auf einer sprachlichen Basis beruhen, als wenig hilfreich einzustufen. Ein weiterer Grund, Angebote zu meiden, die eher mono- als interkulturell ausgerichtet wirken, kann auf der Angst beruhen, dass möglicherweise aufenthalts- und arbeitsrechtlich relevante Informationen weitergegeben werden könnten. Gerade wenn jemand bislang wenig Erfahrung mit nicht-kontrollierender Sozialer Arbeit hat, kann sich die Distanz zu deutschen Behörden, die angesichts der mit dem Ausländerstatus verbundenen Unsicherheiten durchaus nachvollziehbar erscheint, auch auf unterstützende Angebote Sozialer Arbeit übertragen.
Wenn man sich diese Barrieren vor Augen hält, liegt die besondere Herausforderung also vor allem darin, Nähe zur Lebenswelt von Migrantenfamilien herzustellen und Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, Vertrauen in die interkulturelle Kompetenz zu vermitteln.
25Aktuelle Darstellungen des Konzeptes der Interkulturellen Öffnung finden sich bei HINZ-ROMMEL (2000), GAITANIDES (2006) und HANDSCHUCK/ SCHRÖER (2000)
24Das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit wird in diversen Publikationen von Hinte ausführlich erläutert. Aktuell ist insbesondere HINTE/TREEß (2007) zu nennen. Daneben erschienen kürzlich zwei Lehrbücher von FRÜCHTEL/ CYPRIAN/ BUDDE (2007 a und b), die das Konzept der Sozialraumorientierten Sozialen Arbeit sowohl in theoretischer als auch in methodischer Hinsicht systematisch erläutern.


