Zielgruppengerecht schreiben 1 (2)
Denken Sie beim Schreiben häufig an die Menschen, die diesen Text lesen werden? Was überlegen Sie sich in der Regel dazu? Was erscheint Ihnen wichtig? Wissen Sie, was Ihre Zielgruppen benötigen und erwarten z. B.
- inhaltlich
- sprachlich/stilistisch
- auf der Beziehungsebene von Ihrer Organisation
- oder von Ihnen als Autor oder Autorin?
Für die Lesenden zu schreiben heißt, zielgruppenorientiert zu arbeiten. Dieses Axiom von Politik, Pädagogik und PR geht beim Schreiben leider zuweilen verloren. Oft sind wir so auf den Inhalt konzentriert, dass uns das Publikum aus dem Blick gerät. Dazu tragen bereits Schule und Hochschule bei. Sie lehren in der Regel, über etwas zu schreiben, und nicht für bestimmte Menschen. Der Philosoph Gadamer meinte sogar: »Schreiben lernt man weniger in der Schule als gegen die Schule« (Zitiert nach Harenberg 1997: 1071.).
Vor dem Schreiben über Ihr Publikum nachzudenken heißt: So weit es geht zu klären, mit wem Sie eigentlich auf den folgenden Seiten kommunizieren werden. Da die Adressatinnen und Adressaten an Ihrem Schreibtisch nicht präsent sind, ist hierzu Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen gefragt.
Bei einfachen Schriftstücken genügt es, sich die Person(en) kurz zu vergegenwärtigen. Ist der Text jedoch sehr umfassend, kompliziert und/oder bedeutsam, sollten Sie sich intensiver mit der aktuellen Situation und den Interessen Ihres Lesepublikums beschäftigen. Besonders für regelmäßig wiederkehrende, wichtige Texte wie z. B. Jahresberichte lohnt es sich, Ihre Überlegungen für Folgetexte zu notieren.
Die Planungszeit rentiert sich, indem sie Ihnen späteres Kopfzerbrechen erspart. Je klarer Ihr Bild vom Lesepublikum ist, umso leichter werden Ihnen die vielen inhaltlichen und sprachlichen Entscheidungen beim Schreiben fallen. Schon Virginia Woolf stellte fest: »Zu wissen, für wen man schreibt, heißt zu wissen, wie man schreiben muss« (Zitiert nach Gesing, Fritz: Kreativ Schreiben. Handwerk und Techniken des Erzählens. Köln 1994: 9.).
Wer sind Ihre Leserinnen und Leser?
Je mehr Zielgruppen ein Text bedienen soll, desto weniger präzise kann er die Einzelnen ansprechen. Differenzieren Sie daher, wer gerade für diesen Text wie wichtig ist. Setzen Sie Prioritäten! Das ist die beste Grundlage, um zügig und sinnvoll zu arbeiten.
Unterscheiden Sie zwischen dem Zielpublikum, für das Sie explizit schreiben wollen oder müssen, und ggf. weiteren zufälligen oder interessierten Lesenden. Schon das Zielpublikum gliedert sich meist in eine Haupt- und mehrere Nebenzielgruppen. Wie wichtig sind beispielsweise
- die (oder bestimmte) Mitglieder von Parteien und Ausschüssen,
- die für Sie zuständigen Stiftungen, Ämter oder Ministerien,
- Kolleginnen aus anderen Organisationen oder
- die unterschiedlichen Zielgruppen Ihrer Angebote?
Wie relevant ist für Ihr Projekt die formale Hierarchie der angesprochenen Gruppierungen? Entscheidet die Dezernatsleitung über das Wohl und Wehe Ihrer Organisation oder eher die Sachbearbeitung? Wie relevant ist der Text für Ihre Position in Fach- und anderen Welten, z. B. gegenüber anderen freien Trägern im gleichen Feld? Auch die Mitglieder entscheidender Gremien sind eine sehr heterogene Zielgruppe. Neben der politischen Orientierung spielt z. B. die Gremienerfahrung eine wichtige Rolle: Sitzt jemand seit zehn Jahren als alter Hase im Umwelt-Ausschuss oder ist er oder sie seit zwei Monaten frisch im Amt, neu im Thema und nun seit acht Wochen verzweifelt bemüht sich einzuarbeiten? Wollen Sie beide überzeugen, sollten Sie beide Positionen berücksichtigen, Einsteiger und Fortgeschrittene zugleich.
Aber auch ein Zufallspublikum kann Leitlinien und Restriktionen fürs Schreiben erfordern. Vor allem, wenn Sie über (sozial-)pädagogische Angebote und ihre Klientel schreiben, ist Fingerspitzengefühl und eine professionelle Haltung gefragt. Was z. B. denkt der einmalige Klient einer Drogenberatung, der zufällig in deren Jahresbericht liest: »Unsere Klientel zeichnet sich durch eine hohe Fluktuation aus. Ein Problembewusstsein ist nur bei wenigen vorhanden. ...« ? Oder: Wie geht es einer Jugendlichen, die in einem offiziellen Papier Ihrer Organisation gerade eine sehr negative Aussage liest, die zwar anonymisiert ist, sich aber eindeutig auf sie persönlich bezieht?
Übung |
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Wer spielt hier welche Rolle? |
Möchten Sie die Zielgruppen besonders zentraler Texte einmal im Rollenspiel unter die Lupe nehmen? Dann stellen Sie sich doch vor, Sie selbst wären einige von »denen« und treffen sich abends in der Kneipe. Zufällig kommt das Gespräch auf Ihre (wirkliche) Organisation und auf deren letzte(n) Pressemeldung, Bericht, Brief oder Ratsvorlage. Nehmen Sie sich möglichst reale Personen und einen bestimmten Text vor und spielen Sie ernsthaft, was den Leuten in einer informellen, lockeren Kneipenrunde dazu alles einfallen kann. Um viel zu erfahren und wenig zu zensieren, setzen Sie arglos voraus, die Beteiligten verstehen sich gut und tauschen sich ganz offen aus. Meist profitieren davon auch andere Texte, die sich an das gleiche oder an ein ähnliches Publikum wenden. |


