Kurz mal eben? 1 (2)
In vielen Büros entsteht unnötiger Schreibstress, weil in den Köpfen fixe Ideen über diese Tätigkeit kursieren, nämlich: Schreiben bedeute, »kurz mal eben etwas runterzuschreiben« oder »es irgendwie nett zu formulieren« . Manchmal ist es tatsächlich so, vor allem dann, wenn inhaltlich schon lange alles klar, das Thema nicht besonders sensibel, die genaue Form zweitrangig ist und die Lesenden für uns nicht entscheidend sind.
Aber all das ist häufig nicht der Fall. Stattdessen beginnt schon mit der Unterschätzung der Schreibaufgabe die eigene Überforderung. Wie so vieles, was wir »kurz mal eben« machen wollen, brauchen auch Texte meist mehr Zeit als geplant.
Am besten Sie machen zwischendrin noch Telefondienst und werden etwa alle 15 Minuten unterbrochen, weil lauter nette Leute »kurz mal eben« etwas klären möchten. Versuchen Sie stattdessen, sich störungsfreie Schreibzeiten zu schaffen. Schon ein solcher Freiraum kann die Textarbeit beflügeln.
Schreiben ist Arbeit
»Scheiben ist harte Arbeit. (...) Nehmen Sie das als Trost im Augenblick der Verzweiflung. Wenn Sie finden, dass Schreiben schwer ist, so hat das einen einfachen Grund. Es ist schwer.«
Das ermutigende Zitat stammt von William Zinsser, der schon 1980 in den USA übers Schreiben von Sachtexten publizierte (Zinsser, William: On Writing Well. An Informal Guide to Writing Nonfiction. New York 1980. Zitiert nach Märtin 1999: 139.). Was aber macht diese Arbeit eigentlich so schwer?
Schreiben ist folgenreiches Multitasking
Schreiben ist eine ebenso folgenreiche wie komplexe Tätigkeit, die weit übers Formulieren hinausgeht. In der Regel umfasst sie zahlreiche kognitive und kommunikative Leistungen:
Schreiben heißt Denken und Entscheidungen treffen. Es ist eine vielfältige konzeptionelle Arbeit: Wer schreibt, reflektiert Details und Zusammenhänge, blickt zurück, strukturiert, wählt aus, bewertet, entscheidet, fasst zusammen, konzentriert.
Schreiben heißt zur Sache kommen. Denn einerseits gehört dazu: vieles zu konkretisieren und zu präzisieren, was in der mündlichen Kommunikation oft vage bleibt.
Schreiben braucht Abstand und Abstraktion. Denn andererseits erfordert es, sich vom Inhalt zu distanzieren, um abstrahieren zu können. Wenn eine Aussage nicht zu ihrem Kern gelangt, verbleibt sie beim oberflächlichen Allerweltswissen.
Schreiben fordert Integrationsvermögen. Nicht selten muss ein Text verschiedene Interessen parallel vertreten, z. B. die der Finanziers ebenso wie die der Klientel. Dann muss die schreibende Person zugleich: Widersprüche austarieren, vermitteln, klären, konfrontieren oder glätten.
Schreiben lehrt Didaktik. Im leichteren Fall geht es darum, schlüssige Informationen und Erkenntnisse zu vermitteln. Das ist eine didaktische Leistung. Welchen Sinn hat ein Sachtext, der weder neue Einsichten anbietet noch alte Ideen durch ungewöhnliche Worte neu beleuchtet?
Schreiben bedarf eindeutiger Absichten. Wie Sie Ihre Inhalte vermitteln, hängt u. a. davon ab, ob Sie einfach informieren wollen oder überzeugen oder gar für etwas werben. Je nach Absicht sollte der Text anders aussehen. Auch hier gilt: »Form follows function« .
Schreiben gibt Macht und fordert Verantwortung. Wer schreibt, setzt Thesen oder Tatsachen »schwarz auf weiß« in die Welt. Oft entscheiden die Lesenden darüber, was aus der beschriebenen Arbeit und den dazugehörenden Menschen wird.
Schreiben heißt sich zeigen. Viele Texte gewähren Einblicke in Ihre Arbeit, ins Denken, in Werte und Haltungen. Zu Papier gebrachte Worte sind leichter überprüfbar als mündlicher »Schall und Rauch« .
Schreiben heißt führen und versorgen. Denn wer schreibt, führt andere durch seine Gedanken. Und wer die Lesenden nicht ins Nichts führen will, versorgt sie dabei mit gutem Stil und klaren Inhalten. Solange wir kein Kunstwerk schaffen, bleibt ein Text vor allem eine Dienstleistung für seine Leserinnen und Leser.
Schreiben heißt gestalten. Viele Menschen setzen »Formulieren« mit »Schreiben« gleich. Es ist aber nur ein kleiner Teil davon. Den Inhalten die passende sprachliche Form zu geben, heißt gut zu formulieren.
Schreiben ist ein Prozess. Verteilen Sie das Multitasking auf mehrere Runden. Vor allem komplexe Schreibaufgaben gelingen nur Schritt für Schritt: von den Vorüberlegungen über die erste Rohfassung und mehrere Korrekturen bis zum fertigen Ergebnis.
Schreiben braucht seine eigene Zeit. Wundern Sie sich also nicht, wenn das Schreiben zuweilen nicht nur schwer ist, sondern auch zeitaufwendig. Machen Sie es sich nicht noch schwerer, indem Sie sich die erforderliche Zeit nicht gönnen.
Natürlich gibt es zahllose Texte, die all dem nicht entsprechen. So scherzte bereits Wilhelm Busch über die Produkte mancher Zeitgenossen: »Oft ist das Denken schwer, indes, das Schreiben geht auch ohne es.« Manch sinnloser und/oder unverständlicher Text wird sogar absichtlich geschrieben, z. B. um von Informationen abzulenken. Aber dieser Ratgeber wendet sich an Menschen, denen es in der Kommunikation um Verständigung geht, nicht um Verwirrung.


