Zum Angewöhnen: Sprache mit Sex-Apeal 1 (2)
Alle deutschen Würste sind weiblich. Das verdanken sie weder ihren Rundungen noch ihrer Weichheit, sondern schlicht der Grammatik (Obschon diese Eigenschaften womöglich als »Doing-Gender« der Wurst interpretierbar wären.). Niemand käme – trotz phallischer Optik – auf die Idee, das zu bezweifeln. Frauen haben es da schwerer. Sie werden immer wieder (und täglich lieber) ungefragt der sprachlichen Geschlechtsumwandlung unterzogen.
Zugegeben, mitunter ist die deutsche Sprache lästig, weil sie zwischen Männern und Frauen unterscheidet. Die gute Idee mit dem »großen I« hat trotz weiter Verbreitung leider die jüngste Rechtschreibreform verpasst. Sonst könnten nun alle z. B. »HeldIn« schreiben, ohne sich damit selbst als gender-bewusste HeldInnen zu outen – ein Status, der in den letzten Jahren kaum attraktiver wurde.
Moderne AutorInnen nutzen daher gern den Textbaustein: Frauen seien selbstverständlich stets »mitgemeint«, wenn z. B. von Machern und Meistern die Rede ist. Sie explizit zu benennen, sei leider zu mühselig, zu kompliziert, zu unleserlich und überhaupt sprachlich unschön. – Also ehrlich: Denken Sie, wenn Sie »der Autor« oder »die Polizisten« lesen, tatsächlich an Frauen?
Sprache löst Bilder in den Köpfen aus. Sollen darin z. B. auch Politikerinnen und Chefinnen auftauchen, so müssen wir ihnen Wort für Wort ins kollektive Bewusstsein verhelfen. Auch die HistorikerInnen der Zukunft werden es Ihnen danken: Schließlich ist politisch relevant, dass die freundlichen Ratsleute heutzutage beileibe nicht alle Herren sind. Die Wechselwirkung zwischen Sprache, Realität und inneren Bildern kann leider auch der oben genannte Textbaustein nicht auflösen.
Männern geht es wie den Würsten. Ihnen macht niemand die verbale Männlichkeit streitig. Sie benötigen lediglich einen typischen Frauenberuf und schon werden für sie neue Wörter kreiert. Für die rare Spezies männlicher Hebammen z. B. wurde schleunigst der »Geburtshelfer« geboren. Frauen, die nicht nur »mitgemeint« sein wollen, müssen schon drastischer sein: Stets explizit benannt werden u. a. Mörderinnen und andere Verbrecherinnen. Also – bevor wir so weit gehen, um nicht im männlichen Geschlecht unterzugehen ... Nutzen Sie lieber die Vielfalt unserer Sprache:
Wege zur sprachlichen Loyalität mit der Weiblichkeit (Leicht inspiriert durch »Fair in der Sprache«, Info-Karte des Frauenbüros der Stadt Münster.)
Das klassische Hetero-Paar: Damen und Herren, Bürgerinnen und Bürger etc.
Die rettende Mehrzahl: die Ratsleute, die Beschäftigten, die Profis, die Fachkräfte, Engagierte, Ehrenamtliche, Freiwillige, etc.
Wirklich neutral: Leitung, Belegschaft, Eltern, Kinder und Jugendliche (statt Jungen und Mädchen), Kundschaft, ...
Die elegante Kombi: engagierte Menschen, bezahlte Kräfte, die schreibende Person, ...
Raus aus dem Trott A: Setzen Sie dem Geschlecht ein »-ende« . Teilnehmende, Schreibende, Lesende, Studierende, ...
Raus aus dem Trott B: Mehr Verben für Frau und Mann.Statt »Antragsteller sind« : Den Antrag stellen Elli und Erich. Statt »Preisträger sind« : Den Preis erhalten Gerda und Gerd. Statt »Der Leser« : Wer das Buch liest, ...
Raus aus dem Trott C: Wenn es uns um die Sache geht. Teilnahmeliste statt Teilnehmerliste, Mietschutzverein statt Mieterschutzverein, Wahlverzeichnis statt Wählerverzeichnis etc.
Raus aus dem Trott D: Weil zusammen gehen schöner ist. Gehweg statt Bürgersteig.


