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Zwei Schritte vor, einen zurück:Freiwilligen-Agenturen leisten Pionierarbeit

Ein Mann geht im Wald spazieren und sieht einen Holzfäller, der angestrengt dabei ist, einen auf dem Boden liegenden Baumstamm zu zerteilen. Er stöhnt und schwitzt und scheint viel Mühe mit seiner Arbeit zu haben.

Der Spaziergänger geht etwas näher heran, um zu sehen, warum die Arbeit für den anderen so schwer ist. Als er den Grund erkennt, sagt er zu dem Holzfäller: »Guten Tag. Ich sehe, dass sie sich ihre Arbeit unnötig schwer machen. Ihre Säge ist ja ganz stumpf – warum schärfen sie sie denn nicht ?«

Der Holzfäller schaut nicht einmal hoch, sondern zischt durch die Zähne: »Dazu habe ich keine Zeit, ich muss doch sägen!«

»Wir sind schon ohnehin so wenig Leute,« stöhnt der hauptamtliche Leiter einer Sozialstation, »wenn ich mich jetzt auch noch um die Ehrenamtlichen kümmern muss, dann weiß ich gar nicht mehr, wann ich das alles schaffen soll...« . Recht hat er – aber auch nicht.

Es stimmt: Wer Ehrenamt will, wer will, dass sich Menschen freiwillig in sozialen Aufgabenfeldern engagieren, muss zunächst einmal Zeit investieren. Zeit um Menschen zu gewinnen, sie auszubilden, einzuarbeiten und sie zu begleiten.

Seit etwa Mitte der neunziger Jahre entwickeln sich auch in Deutschland in unterschiedlicher Trägerschaft und aus verschiedenen Arbeitsansätzen Freiwilligen-Agenturen. Einzelprojekte in nahezu allen Wohlfahrtsverbänden versuchen die Bereitschaft zu fördern und neue Impulse für Freiwilligenarbeit, Selbsthilfe und Ehrenamt zu geben.

Ein Blick über den Tellerrand

Ein Altenpflegeheim in Amsterdam mit rund 80 Bewohnerinnen und Bewohnern - unterstützt von einer etwa 40 köpfigen Gruppe »Volunteers« : Freiwillige, die nicht in der direkten Pflege und Versorgung arbeiten, sondern die einen Großteil zusätzlicher Arbeitsfelder abdecken, die für die Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner wichtig sind.

Man merkt es am Klima in diesem Haus: Hier sorgen freiwillig engagierte Menschen für eine Atmosphäre, die für alle ein Gewinn ist. Für die Bewohnerinnen und Bewohner, für die Freiwilligen und nicht zuletzt für das hauptamtliche Personal und den Träger.

Die wichtigste Voraussetzung für gelungenes Bürgerengagement ist in diesem Pflegeheim erfüllt: Es ist eine hauptamtliche Kraft da, die sich um die Freiwilligen kümmert. Eine halbe Vollzeitstelle hat das Heim investiert, um die Begleitung der »Volunteers« sicherzustellen.

Dieses Altenpflegeheim in Amsterdam ist in den Niederlanden kein Einzelfall, dort hat die systematische Förderung bürgerschaftlichen Engagements eine lange Tradition. Eine flächendeckende Struktur lokaler Freiwilligen-Agenturen, die national vernetzt sind, trägt unter anderem dazu bei, dass gemeinnützige und öffentliche Aufgabenfelder selbstverständlich und in größerem Ausmaß durch Freiwillige unterstützt werden.

Den Menschen gerecht werden

Es gibt sie auch in Deutschland: Die motivierten, hochqualifizierten neuen Freiwilligen, die erfolgreich in Projekte und Vereine vermittelt werden. Institutionen, die mit Freiwilligen-Agenturen gut zusammenarbeiten, haben häufig genug erfahren, dass hier Menschen gewonnen werden, die ihre berufliche Qualifikation und ihr Engagement verlässlich in die Arbeit einbringen.

Es gibt sie aber auch: Die Menschen, die nach einer Krise oder schwierigen Lebensphase einen neuen Weg über die freiwillige Arbeit in gemeinnützigen oder öffentlichen Einrichtungen suchen. Für sie brauchen die MitarbeiterInnen in den Freiwilligen-Agenturen eine andere Beratungskompetenz, um ein Tätigkeitsprofil zu finden, das diesen Menschen gerecht wird. Und manchmal sind es ganz einfach andere (Hilfs-)Angebote, wie z.B. in Selbsthilfegruppen, die der persönlichen Lebenssituation eher gerecht werden als die Aufnahme einer ehrenamtlichen Tätigkeit.

Rahmenbedingungen und Strukturen schaffen!

Wer freiwillig engagierte Menschen gewinnen und motivieren will, braucht vernünftige Strukturen auf vielen gesellschaftlichen Ebenen dafür:

  • Freiwilligenmanagement durch hauptamtliches Personal in Vereinen, Diensten und Einrichtungen, um die Kontinuität von Freiwilligenarbeit sicherzustellen. Ausbildung, Begleitung, Organisation und Pflege freiwillig engagierter Menschen sind eine notwendige Voraussetzung, um das vorhandene Potential gesellschaftlich nutzbar zu machen.

  • Eine flächendeckende, lokale Struktur von Freiwilligen-Agenturen , die gemeinsam mit Vereinen und Verbänden potentielle Einsatzstellen und Tätigkeitsfelder entwickeln, Freiwillige beraten und vermitteln, Fortbildungen organisieren, durch aktive Öffentlichkeitsarbeit für bürgerschaftliches Engagement werben und durch lokale Interessenvertretung als Lobby für aktives Bürgerengagement wirken.

  • Anreize in der Arbeitswelt, die freiwillige Engagementbereitschaft als Teil der Personalentwicklung begreift. Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ein Gewinn für die Unternehmen, weil sie gesellschaftliche Erfahrungen kreativ in den Betriebsablauf einbringen. Begrenzte Freistellungsregelungen und die positive Berücksichtigung von freiwilligem Engagement bei Bewerbungen sowie bei der Karriereplanung einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wären hierzu wichtige Impulse -nicht zuletzt auch für das Image des Unternehmens.

  • Rechtliche Rahmenbedingungen , die Freiwilliges Engagement nicht behindern, sondern attraktiv machen. Hierzu gehören Änderungen im Steuerrecht, im Arbeitsförderungs­gesetz, bei Versicherungsfragen und möglicherweise auch im Rentenrecht.

  • Eine landesweite und nationale Vernetzung der engagementfördernden Einrichtungen, die für Qualitätssicherung sowie für die rechtliche und fachliche Weiterentwicklung von Freiwilligenarbeit eintritt.

(Ernst-Wilhelm Rahe)

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