Frauen
Auch wenn es heute selten stimmt – das klassische Bild der ehrenamtlich engagierten Frau ist jenes der freiwilligen Helferin mittleren Alters, deren Kinder »aus dem Gröbsten raus« sind und die sich im Kirchenkreis oder im Besuchsdienst eines Krankenhauses oder Heims engagiert; die ihre Berufstätigkeit mit der Geburt des ersten, von meist zwei oder drei Kindern, aufgegeben hat.
Das moderne Bild der freiwillig engagierten Frauen sieht anders aus. Es ist von der Vielfalt der Lebensformen von Frauen heute ebenso bestimmt wie von ihren unterschiedlichen Interessen. Frauen heute sind:
Junge Frauen mit ihren spezifischen Bedürfnissen
Ledige Frauen
Lesben
Ledige oder geschiedene Mütter
Verheiratete Frauen ohne Kinder
Verheiratete Frauen mit Kindern unterschiedlicher Altersgruppen
Ältere Frauen
Geschlagene und missbrauchte Frauen
Arme und reiche Frauen
Migrantinnen
Frauen in der Stadt oder auf dem Land
Frauen in Ost- und Westdeutschland.
Trotz dieser Vielfalt gibt es soziale und politische Gemeinsamkeiten, die nach wie vor die feststellbar höhere Bereitschaft von Frauen zum freiwilligen sozialen Engagement prägen.
1. Gemeinsame Erfahrungen
Sehr viele Frauen haben – in unterschiedlicher Form und Stärke – Diskriminierungen, viele auch Gewalt, erfahren. Sie erleben im Alltag Benachteiligungen als berufstätige Mütter, als Lesben, als Ehefrauen von Migranten, als Töchter pflegebedürftiger Angehöriger, als arme Alte, als ledige Mütter, als Erwerbslose, als Familienfrauen ohne Chance zur Rückkehr in die Erwerbstätigkeit. Man kann auch sagen: Frauen sind näher an der sozialen Wirklichkeit der Gesellschaft.
Ihre persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen legen nahe, dass soziales oder politisches Engagement – in eigener und fremder Sache – nötig ist. Die Impulse der Frauenbewegung und die individuellen Erfahrungen von Frauen haben deutlich gemacht, dass Frauen Veränderungen selbst in die Hand nehmen müssen.
Die Kritik an Expertentum und Bevormundung – auch durch gut gemeinte Fürsorge – und die Forderung nach Selbsthilfe und Selbstorganisation wurden wesentlich von Frauen‑Gruppen und Organisationen in die öffentliche Diskussion gebracht.
2. Mehr Zeit
Über 90 Prozent der teilzeitarbeitenden Berufstätigen sind Frauen. Frauen haben also mehr Zeit, weil sie weniger Zeit im Beruf verbringen? Genauso gut lässt sich sagen: Sie haben weniger Zeit für den Beruf, weil sie mehr private Kontakte pflegen oder Familien‑Pflichten übernehmen.
Mit Sicherheit haben sie heute weniger Zeit für eine umfangreiche ehrenamtliche Tätigkeit, die einen Beruf »ersetzt« . Und wenn sie sich Zeit nehmen für freiwilliges Engagement, dann häufig, um ein bestimmtes – auch persönliches – Ziel zu erreichen. Dass Zeit nicht der alles entscheidende Faktor für freiwilliges Engagement sein kann, zeigen übrigens auch Untersuchungen in den USA: Dort sind weitaus mehr berufstätige Frauen aktiv als so genannte Familienfrauen. Untersuchungen belegen, dass Frauen, die es gewohnt sind, sich einzumischen und die ihre Kompetenzen im täglichen Wettbewerb einbringen müssen, sich auch engagiert für sozialpolitische Themen einsetzen.
Zahlreiche andere Frauen nutzen eine berufliche »Zwangspause« (durch Kindererziehung oder Arbeitslosigkeit) für ehrenamtliches Engagement – und auch zur persönlichen oder beruflichen Weiterentwicklung. Sie haben sich – anders als die meisten ihrer Mütter und Großmütter – nicht für immer von einer Berufstätigkeit verabschiedet und sehen im »Ehrenamt« einen Baustein ihrer individuellen »Karriere« .
3. Selbstbewusstsein
Verallgemeinerungen sind problematisch – aber wer die Zukunft von Ehrenamt und freiwilligem Engagement beeinflussen will, muss zumindest versuchen, Trends zu beschreiben. Organisationen, die auf die freiwillige Mitarbeit von Frauen auch in der Zukunft Wert legen, sollten wissen:
- Frauen haben keine Zeit zu verschenken
– sie sind anspruchsvoller geworden.
- Frauen
sind kritischer geworden gegenüber Bevormundungen.
- Frauen
denken nicht nur »selbstlos« an andere – sie suchen
auch den persönlichen »Gewinn«.
- Frauen suchen Aufgaben mit Verantwortung und Fachkompetenz – zum Beispiel im Fundraising.
Um Frauen für Leitungsfunktionen zu gewinnen, brauchen Organisationen klare Strukturen und Transparenz, was in einem Verband so formuliert wurde:
- Frauen wollen wissen, worauf sie sich
einlassen mit z.B. einer Vorstandstätigkeit. Sie fragen
nach den Aufgaben und Inhalten, nach der zeitlichen Beanspruchung,
der Arbeitsmethode und der »Sitzungskultur« (z.b. Umgang
mit Zeit und kontroversen Standpunkten).
- Frauen sind selbstkritischer in der
Bewertung ihrer Fähigkeiten und ihrer Eignung für ein
Mandat. Sie brauchen Ermutigung.
- Frauen problematisieren häufiger die
Demonstration von Macht und Hierarchie. Sie identifizieren
sich mit einem Amt eher über Beziehung und Know‑how.
- Frauen möchten persönlich und gezielt angesprochen werden – mit einer Aufgabe und mit Bezug auf ihre spezifischen Kompetenzen.


