Aus der Praxis: MigrantInnen
Ihr Arbeitsauftrag lautet, »MigrantInnenselbsthilfe« zu beraten. Was und wer gehört heute eigentlich alles dazu?
Zunächst mal sind MigrantInnen-Selbsthilfegruppen per se ja nicht anders als Selbsthilfegruppen von Deutschen. Es schließen sich Menschen zusammen, um etwas an ihrer Situation zu verbessern. MigrantInnenselbsthilfegruppen haben aber fast immer neben sozialen auch kulturelle und politische Ziele. Ihre interne Kommunikationssprache ist nicht Deutsch und sie dienen immer auch der Stärkung der jeweiligen ethnischen Identität. Manche der Vereine bieten kontinuierlich soziale Dienstleistungen (z.B. offene Jugendarbeit) an, eine nicht unwesentliche Zahl von Migrantenorganisationen ist mittlerweile multiethnisch zusammengesetzt und nutzt Deutsch als Kommunikationssprache.
Warum brauchen diese Vereine und Gruppen eine spezifische Beratung durch Sie? Ja, sogar Qualifizierung, wie es in Ihrer Aufgabenbeschreibung heißt?
Die meisten dieser Vereine sind spontan entstanden, wurden von Menschen ins Leben gerufen, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Viele sind lange Zeit in ihrer Arbeit sehr stark am Herkunftsland orientiert gewesen. Das hat sich bei den meisten verändert, die Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft ist heute wichtiger. Das kann man zum Beispiel daran sehen, dass in vielen MigrantInnenorganisationen Sprachkurse angeboten werden. Aber immer noch gibt es einen großen Mangel an Informationen und Kenntnissen zum Beispiel über das deutsche Vereinsrecht, über politische Prozesse und Einflussmöglichkeiten, über Finanzierungsquellen, über die Strukturen des deutschen Wohlfahrtsstaates, über Rechte und Pflichten von ehrenamtlichen Vorständen und vieles mehr.
Nach so vielen Jahren...?
Das ist doch überhaupt kein Wunder! Man hat den größten Teil der Migranten jahrzehntelang berhaupt nicht gefragt, sie nicht als Teil der Zivilgesellschaft in Deutschland gesehen, obwohl sie eine große und nicht unbedeutende Zielgruppe sind. Die Vereine haben für »ihre Leute« eigene Strukturen ehrenamtlich aufgebaut. Ohne politische Mitbestimmungsmöglichkeiten auf der einen und ohne ausreichende Sprachkenntnisse auf der anderen Seite ist es – neben anderen Ursachen – natürlich schwierig, den Integrationsprozess zu beschleunigen.
Was ist das Besondere an Ihrer speziellen Beratung? Sind es Sprachkenntnisse? Ist es das bessere Verständnis und Ihre persönliche Kenntnis anderer Kulturen?
Sicher rufen mich Leute an und freuen sich, wenn sie mit mir türkisch sprechen können. Und ich muss natürlich den kulturellen Hintergrund kennen, bis hin zu den oft noch sehr männerdominierten Strukturen in vielen Vereinen. Aber auch die Männer akzeptieren mich. Sie haben Achtung vor meinem Studium, meiner Ausbildung.
Wie würden Sie die Anforderungen der Fachberatung persönlich und fachlich beschreiben?
Zu meinen Aufgaben gehört natürlich, über finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten zu beraten, damit sich gute Ideen auch in Projekte umsetzen lassen. Meine Aufgabe ist und wird auch sein, die Organisationen darin zu unterstützen, professioneller arbeiten zu können. Ich berate, wie andere FachberaterInnen auch, konzeptionell, biete Organisationsentwicklung und fachliche Information an. Im Unterschied zu den anderen Fachberatungen im PARITÄTISCHEN, ähnlich aber wie die Selbsthilfekontaktstellen, ist Grundlage der Absprachen mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Qualifizierung und Technologie, dass ich nicht nur für Mitgliedsorganisationen des PARITÄTISCHEN sondern auch für Migratenorganisationen arbeite, die dem PARIÄTISCHEN nicht angeschlossen sind.
Haben Sie persönliche Erfahrung?
Ich selbst war und bin seit 15 Jahren aktiv in verschiedenen Vereinen (sozial, kulturell und politisch) ehrenamtlich tätig. Seit ca. 10 Jahren bin ich in einem kurdischen Theaterverein aktiv.
Ich bin eine Grenzgängerin. Ich kann mich, etwas vereinfachend ausgedrückt, in beiden Kulturen bewegen – in der der Migranten und in der der Mehrheitsgesellschaft. Ich leide nicht, sondern empfinde meine Herkunft als sehr bereichernd – dadurch bin ich reich an Informationen und Wissen über beide Kulturen und kann helfen, Brücken zu bauen. Ich bin überzeugt, dass Selbstvertrauen aus gesellschaftlicher Akzeptanz entsteht. Ich stelle weder blind die Migranten auf die gute noch die Mehrheitsgesellschaft auf die schlechte Seite. Aber ich verheimliche auch nicht, dass ich zum Beispiel mit der Reform des Einbürgerungsgesetzes noch nicht zufrieden bin.
Wie sahen Ihre ersten 100 Tage aus – und wie geht’s weiter?
Wenn man mich zu Anfang meiner Arbeit hier gefragt hätte, was ich in den ersten drei Monaten schaffen wolle, dann hätte ich gesagt: Sofort alle wichtigen Informationen beschaffen, sofort in Beratung einsteigen. Jetzt weiß ich natürlich: das geht in drei Monaten nicht. Aber ich habe immer noch das Ziel, möglichst in meinem ersten Jahr die rund 150 der mehr als 2000 nordrhein-westfälischen Migrantenorganisationen wenigstens kurz kennen zu lernen. Ich bin da, wo ich bislang war mit offenen Armen empfangen worden. Gerade Frauen haben mir oft direkt gesagt: »Gut, dass es Sie jetzt gibt!«


