»Wohnungswirtschaft setzt auf Beteiligungskonzepte!« Eine Aktivierende Befragung im Auftrag eines Wohnungsunternehmens in Essen
Ausgangslage/ Rahmenbedingungen
Zur Stabilisierung belasteter Wohnbereiche bedarf es – neben dem Einsatz investiver Mittel – der systematischen Organisation von Beteiligungsprozessen der Mieter/innen, um zu dauerhaften bestandsstabilisierenden Effekten zu kommen. In Essen-Katernberg, einem Stadtteil des Bund-Länder-Programms »Soziale Stadt« , arbeitet das Wohnungsunternehmen Viterra gemeinsam mit dem ISSAB (Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung der Universität Essen) in städtebaulich problematischen Wohnbereichen auf der Grundlage des Ansatzes stadtteilbezogener Arbeit. Die hier beschriebene Aktivierende Befragung bezieht sich auf einen Bestand von fünf Hochhäusern, mehrgeschossig mit 104 Wohneinheiten in einem besonders belasteten Stadtteilbereich Essen-Katernbergs.
Ziele der Aktivierenden Befragung
Über das Instrument der Aktivierenden Befragung sollte der Handlungsbedarf aus der Sicht der Mieter/innen im Wohnbestand definiert werden. Das Wohnungsbauunternehmen hatte zwar konkrete Vorstellungen (z.B. Hausflur- oder Fassadengestaltung, Müllstandorte verändern), die aber nicht deckungsgleich mit denen der Mieter/innen sein mussten. Insbesondere über die Ressourcen der Mieter/innen zur Verbesserung der Wohnsituation konnte aus professioneller Sicht nur spekuliert werden.
Besonderheiten in der Vorgehensweise
Viterra und ISSAB verfügten bereits vor Projektbeginn über Kooperationserfahrungen in anderen Handlungskontexten im Stadtteil. Die Vorgehensweise der »intermediären Akteure« des ISSAB (siehe Grimm/Hinte: Vor Leuchtturmprojekten aus Stein wird gewarnt, in: Sozial Extra, 9/2000) war der Viterra vertraut und bildete die Basis für die Beauftragung dieser externen Institution, die damit auch Einblicke in interne Unternehmensabläufe erhielt. Wohnumfeldmaßnahmen sowie hausbezogene Modernisierungsprozesse im Stadtteil haben zu langjährigen gemeinsamen Erfahrungen geführt. In diesen Verfahren ist bei auftretenden Konflikten zwischen Vermieter und Mieter/innen die neutrale, moderierende und aktivierende Funktion der Projektmitarbeiter/innen deutlich geworden. »Vertrauen« sowie das Verständnis der Eigentümer/in, Beteiligungs- und Gestaltungsprozesse als Chance zu verstehen, sind notwendige Voraussetzung, damit Unternehmen, intermediäre Akteure und Bewohner/innen das gemeinsame Ziel »Bestandsstabilisierung« verfolgen.
Erkenntnisse
Spielangebot als Einstieg
Aktivierende Befragungen müssen durch vorbereitende Maßnahmen so angelegt sein, dass der/die zu Befragende schon vorab eine Vorstellung von dem hat, wer fragt und wozu er befragt wird, damit im entscheidenden Moment die Tür nicht sofort wieder geschlossen wird. Hierzu macht man in der Regel schriftliche Vorankündigungen mit entsprechenden Informationen. In dieser vorbereitenden Phase hat sich als unterstützendes Element ein zusätzliches, schon im Vorfeld der Befragung installiertes, offenes Spielangebot im Wohngebiet bewährt. Das Spielangebot für Kinder – in der Regel einmal wöchentlich für circa drei Stunden – setzt ein positives Signal und die befragende Institution kann durch konkrete Erfahrungen kennen gelernt werden.
Bewohnerversammlung vor Ort
Die Bewohnerversammlung, auf der die Ergebnisse vorgestellt und erste Aktivitäten entwickelt werden, ist ein wichtiger Bestandteil der Aktivierenden Befragung, sodass eine möglichst breite Beteiligung der Mieter an diesem Termin angestrebt wird. Nahe gelegene Lokalitäten, wie Gaststätten oder Gemeindehäuser, sind in der Regel akzeptierte Versammlungsorte. Eine höhere Beteiligung wird jedoch erzielt, wenn die Versammlung direkt im Wohnbestand durchgeführt wird. In diesem Fall haben wir direkt auf der Wiese vor den Häusern ein Zelt aufgestellt, sodass man sich nicht aus dem vertrauten Wohnumfeld weg bewegen musste und am Tag der Veranstaltung noch mal optisch durch das Zelt auf den Termin hingewiesen wurde.
Schriftliche Ankündigungen erzielen nach unseren Erfahrungen einen erheblich geringeren Effekt als eine mündliche Ansprache. Deshalb empfiehlt es sich, am Tag der Bewohnerversammlung nochmals Mieter/innen direkt anzusprechen.
Kritische Punkte
Im Wohnbestand »Feldwiese« hatte sich bereits eine destruktive, apathische Grundstimmung breit gemacht. Die Aktivierende Befragung setzt in einer solchen Atmosphäre ein deutliches Startsignal für die beginnenden Beteiligungsprozesse. Auch in der »Feldwiese« bildete sich an dem Abend ein Mietersprecherrat und eine Gruppe zur Spielplatzgestaltung. Gleichzeitig hatte die Aktivierende Befragung mit der anschließenden Versammlung eine stark kathartische Funktion. Endlich konnten die Mieter/innen ihren Ärger loswerden und dies mit entsprechender Resonanz bei den übrigen Anwesenden.
Die Kooperation mit der Viterra hat sich insgesamt als sehr positiv erwiesen. Es sind keine Interessenkonflikte entstanden, da die Zielsetzung für uns eine thematisch unspezifische gewesen ist: Verbesserung der Wohnzufriedenheit sowie ein attraktiveres Wohnen für die Mieter/innen. Positionen der Viterra werden von uns nicht übernommen oder vertreten, sondern sie werden erklärt und mit den Bewertungen der Bewohner/innen zurückvermittelt; so bleiben auch für die Bewohner/innen die Rollen der unterschiedlichen Akteure deutlich.
Karin NeuhausInstitut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung der Universität Essen (ISSAB)Holzstr. 7-945141 EssenTelefon (02 01) 43 76 40E-Mail:ISSAB@uni-essen.de


