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»Nah und fremd?« Aktivierungen im Einwanderungsstadtteil München-Milbertshofen 1 (2)

Ausgangslage /Rahmenbedingungen

Milbertshofen ist seit vielen Jahrzehnten ein Einwanderungsstadtteil im Münchner Norden. Dort ist ein Sanierungsgebiet mit etwa 20.000 Einwohner/innen im Programm »Soziale Stadt« berücksichtigt worden. Die Fachhochschule München übernahm unter der Leitung von Professor Klöck das Quartiersmanagement. Seit 2000 betreibt dessen Team den Stadtteilladen K 45 auf der Grundlage eines integrierten Handlungskonzepts. Die Quartiersstrategie wird mit den lokalen Akteur/innen ausgehandelt (Für die Verbesserung von Lebenslagen und die Beseitigung von Belastungen und Rufschädigungen sind vielfältige Interventionen nötig, auf die hier nicht eingegangen werden kann.).

Zielsetzung

Für mehr Selbstorganisation und Empowerment konzipierte das Team eine bedarfsgerechte und kultursensible Kombination verschiedener Aktivierungen, mit der artikulationsschwache Gruppen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Herkunft ebenso erreicht werden sollten wie gut situierte und bildungsorientierte Mittelschichten, sowie vor Ort tätige Fachkräfte.

Besonderheiten in der Vorgehensweise

Die Aktivierenden Befragungen, Zukunftswerkstätten, interkulturellen Kunstprojekte und Beteiligungen z.B. an der Aufwertung der Grün-, Spiel- und Freiflächen trug den besonderen Anforderungen des Einwanderungsstadtteils Rechnung. Weil Sondermaßnahmen für Migrant/innen den Qualitätskriterien unserer interkulturellen Praxis widersprechen würden, waren die Aktivierungen als integrierte Mehrzielprojekte konzipiert und ermöglichten ein abgestuftes Vorgehen. Die einzelnen Maßnahmen sind nicht isoliert zu bewerten. Sie sind nicht ohne weiteres übertragbar, sondern setzen eine vertrauenswürdige interkulturelle Praxis, Methodenintegration und die Verbundqualitäten von Gemeinwesenarbeit als Arbeitsprinzip voraus. Ein instrumentelles Interesse an der Frage, wie man Migrant/innen befragen und beteiligen sollte, wäre fragwürdig, problematisch und damit nicht in Einklang zu bringen. Die folgenden Hinweise sind somit als Arbeitsbericht zu verstehen.

Das Team des Stadtteilladens K 45 organisierte im Zeitraum von November 2000 bis Januar 2002 nach intensiver inhaltlicher und methodischer Vorbereitung und mit tatkräftiger studentischer Unterstützung eine eintägige Zukunftswerkstatt »Wir in Milbertshofen« mit fast 300 Schüler/innen und Lehrkräften der Hauptschule im Stadtteil, die einen Migrationsanteil von 74% aufweist, sowie insgesamt drei Aktivierende Befragungen in verschiedenen Wohngebieten, mit denen insgesamt etwa 600 Bürger/innen erreicht wurden. Ein Drittel davon waren Migrant/innen, was der Stadtteilquote in etwa entsprach.

Vielfältige Projektideen und Handlungspotenziale für die Umgestaltung des Stadtteils kristallisierten sich heraus, gemeinsame Themen und Perspektiven zeichneten sich ab. Mehr Beteiligung an Entscheidungen, wie z.B. Stimmrechte in dem Gremium, das über die Quartiersstrategie und den Verfügungsfonds befindet, war eine erste wichtige Konsequenz. Die Schüler/innen stellten die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt beim Kinder- und Jugendforum im Münchner Rathaus sehr selbstbewusst vor und forderten die Aufwertung und Öffnung ihrer Schule, mehr Kunstprojekte und Zugang zum Internet.

Die Resonanz der Migrant/innen auf die ersten beiden Aktivierenden Befragungen war zunächst vergleichsweise bescheiden und ihre Besuche im Stadtteilladen und bei öffentlichen Treffen eher selten.

Eine Ausnahme war ihre starke Präsenz bei einer Sitzung des Bezirksausschusses, bei der sich besorgte Eltern und Nachbarn gegen die Ansiedlung eines weiteren umstrittenen großen Wohnprojekts von psychisch Kranken aussprachen. Für diese Proteste war keinerlei Aktivierung nötig, sie entstanden aus purer Eigeninitiative.

Auf der Suche nach anderen organisationsfähigen Interessen war die dritte Aktivierende Befragung zu modifizieren, um die Gemeinschaften von Migrant/innen direkter und kulturspezifischer anzusprechen. Gruppeninterviews sollten »Doorknocking« und Befragungen auf Straßen und Plätzen besser ergänzen.

Die Zusammenarbeit mit den lokalen Akteur/innen wurde intensiviert und die Fraueninitiative des Vereins Stadtteilarbeit und die Beratungsstelle für Migrationsfragen für das Vorhaben gewonnen. So war es möglich, bestehende Gruppen von Migrant/innen gezielter und teilweise sogar in ihrer Muttersprache anzusprechen. Sie antworteten nun bereitwilliger und auch differenzierter, weil sie vertrauenswürdige Gewährsleute aus den Partnerorganisationen kannten und ihnen das Gesprächsklima vertrauter war. Mit den Gruppenbefragungen kamen Settings zu Stande, die den eher kollektivistisch orientierten Teilkulturen mehr entsprachen als die Gehsteig- und Einzelgespräche. Das war sowohl in den Gesprächen mit griechischen und türkischen Frauengruppen so, als auch in einer informellen Gruppe von Jugendlichen, die sich zum »Basketball um Mitternacht« regelmäßig treffen. Für die Rückkoppelung der Ergebnisse, deren Interpretationen und der Projektideen erwies sich der vertraute Raum der griechischen und türkischen Frauengruppen als günstiger.

Kritische Punkte

Mit den Gruppenbefragungen kamen auch Sorgen und Vorannahmen zur Sprache, die stärker bedacht werden müssen, was das methodische Vorgehen anbelangt. Einige der befragten Migrant/innen hatten das Gefühl ihren Gesprächspartner/innen, die überwiegend der Dominanzkultur angehörten, etwas Besonderes und Wertschätzendes über das Wohngebiet sagen zu sollen. Die Kritik und die Anregungen blieben eher verblümt.

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