Bewohnerversammlungen aktivierend moderiert 2 (4)
Moderation einer Bewohnerversammlung
- Bewohnerversammlungen erfordern eine andere Form der Moderation als
Dienstbesprechungen oder Arbeitskreise, wo bezahlte Professionelle
tagen und sich stringent an eine Tagesordnung halten (sollen). Die
Leute kommen freiwillig, die Teilnehmerzahl ist unklar, es gibt
begrenzte Erfahrungen mit Versammlungen, eine oftmals geringe
Arbeitsdisziplin und hohe Emotionalität. Es darf hier schließlich ruhig
mal so richtig lebendig werden. Dass es »rauer« zugeht und auch mal
durcheinander geredet wird, ist schließlich meist auch in den
Alltagsgesprächen der Bewohner/innen der Fall. Der/die Moderator/in
wendet deshalb die Moderationstechniken flexibel und an die Situation
angepasst an.
Die Moderation hat dabei in den fünf Phasen der Bewohnerversammlung einen roten Faden, an dem sie sich orientieren kann. Sie kann dementsprechend die vielfältigen Beiträge sortieren und visualisieren.
- Die Struktur gleicht den Fragen der Aktivierenden Befragung mit einer
kleiner Anmerkung bzw. Ausnahme: Die Frage nach dem, was den
Bürger/innen gut gefällt, fällt bei Bewohnerversammlungen mit
konfliktbesetzten Themen erfahrungsgemäß oft unter den Tisch. Die
Menschen kommen in erster Linie mit den Dingen, die ihnen »unter den
Nägeln« brennen, und das Klima heizt sich dementsprechend auf. Die
Frage des/der Moderator/in, was denn den Bewohner/innen im Viertel gut
gefällt, passt häufig nicht in diese emotionsgeladene Atmosphäre und
wirkt deplaziert.
- Der/die Moderator/in praktiziert eine aktive Moderation. Er/sie ist
bereits im Vorfeld tätig – im Gegensatz zum/r passiven Moderator/in,
der/die lediglich für eine Veranstaltung geholt wird (z.B. jemand von
der Lokalpresse für eine Podiumsdiskussion). Vor einer Versammlung wird
z.B. den schwächeren Akteuren Unterstützung angeboten. Personen, deren
Teilnahme wichtig wäre, werden noch einmal gesondert angesprochen und
eingeladen.
- Eine persönliche Begrüßung im Eingangsbereich schafft Vertrauen, nimmt
die Leute ernst als Gäste und ermöglicht es dem/der Moderator/in, sich
einen Überblick über die Anwesenden zu verschaffen. Das gilt
insbesondere dann, wenn man Entscheidungsträger/innen z.B. aus der
Politik nicht kennt. Durch persönliche Begrüßung können Namen erfragt
werden und woher die Menschen kommen. Die »identifizierten«
Funktionsträger/innen können so einerseits zu Beginn der Veranstaltung
begrüßt werden (Sie sind schließlich da auf Grund ihrer Funktion).
Andererseits kann es für die Bewohner/innen wichtig sein, zu wissen,
wer anwesend ist und können Situationen vermeiden, die ihnen im
Nachhinein vielleicht peinlich wären (Ein Beispiel: Eine Bewohnerin
fühlt sich zunächst zwar ermutigt all ihren Ärger über ihren Vermieter
rauszulassen, hört aber später, dass der anwesend ist. Diese Tatsache
ruft bei ihr Angst vor einer Kündigung hervor, führt zu schlaflosen
Nächten und dazu, dass sie sich vornimmt, nie mehr etwas in einem
öffentlichen Forum zu sagen). Verhinderte Gäste, die sich entschuldigt
haben, werden benannt.
- Eine Stuhlanordnung in Form eines »U« – durchaus auch mit mehreren
Reihen – fördert die Interaktion zwischen Menschen und kann, anders als
klassische Stuhlreihen, verhindern, dass die Bewohner/innen sich
einseitig nach vorne an die Moderator/innen richten. Der Tisch für das
Schreibmaterial der Moderator/innen steht am günstigsten neben ihren
Stühlen, um keine Barriere aufzubauen.
- Ungünstig ist es, wenn der/die Moderator/in und ihr/e eventuelle/r
Partner/in ständig stehen. Wer steht, zieht die Aufmerksamkeit sehr
stark auf sich. Wenn die anderen sitzen, signalisiert das zudem eine
Machtposition. Beides sind eher ungünstige Wirkungen, wenn wir den
Dialog zwischen den Bewohner/innen fördern wollen. Aufstehen kann aber
schon mal als Mittel eingesetzt werden, wenn es gerade mal drunter und
drüber geht und man in einer lebendigen Runde einen
Strukturierungsversuch verstärken will.
-
Stellwände,
auf denen das Thema und der Ablauf der Versammlung visualisiert sind,
sind vorbereitet, um die Themen sofort sichtbar festzuhalten: 1.Was
soll sich ändern im Südostviertel? Was stört Sie hier im Südostviertel?
2. Was wollen Sie? Welche Ideen haben Sie?
- Ein klarer Einstieg durch Benennen des Themas der Versammlung, des
Ziels, des Zeitrahmens, der Vorgehensweise (»Roter Faden«), der eigenen
Funktion und der spezifischen Rolle auf dieser Veranstaltung gibt allen
Beteiligten Orientierung. Wer aktivieren will, der sollte zu Beginn
keine demotivierende Stimmung schaffen: »Schade, dass nur so wenig
gekommen sind«. Wer kommt, sollte stattdessen Wertschätzung erfahren.
Schon durch die Begrüßung signalisieren die Moderator/innen keine
»Allzuständigkeit«, sondern stellen sich als Unterstützer/innen des
Veränderungsprozesses dar. Es gilt zunächst die Themen der
Besucher/innen zu erkunden und dann zu klären: Was können die Menschen
selbst tun, um ihre Ziele zu erreichen? Was können wir gemeinsam tun
und nutzen? Wir wollen die Dinge mit den Menschen anpacken und nicht
für die Menschen regeln. Wir Sozialarbeiter/innen sind somit immer die
»Restarbeiter/innen«. Die »Zauberwörter«, die gerade zu
Versammlungsbeginn durchaus öfters fallen dürfen, lauten: »zusammen«
und »gemeinsam«.
- Holt man sich zur vorgeschlagenen Vorgehensweise noch kurz die
Zustimmung der Anwesenden (»Ist das o.k., wenn wir das so machen, oder
was für andere Vorschläge haben Sie?«), dann kann die Moderation später
immer wieder einzelne Personen, die an einem anderen Punkt stehen, auf
diesen vereinbarten »Roten Faden« hinweisen. Sie macht damit deutlich,
dass es nicht ihr persönliches Interesse ist, sondern dass man sich im
Vorfeld ja auf diesen Kurs verständigt hat. Will ein Großteil der
Gruppe allerdings einen anderen Kurs, so holt sich die Moderation, als
Steuermann/-frau das Einverständnis der Anwesenden für den neuen
Schwerpunkt, zeigt aber auch mögliche Konsequenzen auf.
- Eine Vorstellungsrunde aller Teilnehmer/innen artet – selbst in kleinen
Runden – erfahrungsgemäss leicht aus. Sobald irgendwer nicht nur seinen
Namen, sondern auch ein Thema benennt, reagiert der Nächste schon
darauf und bald geht es lustig drunter und drüber. Weniger
risikobehaftet ist es, vorzuschlagen, dass diejenigen, die im Verlauf
des Abends etwas sagen, kurz ihren Namen nennen und vielleicht wo sie
wohnen.
- Die Visualisierung des Ablaufs, der genannten Themen und der Ergebnisse bzw. Vereinbarungen verstärken dabei die Worte. Es ist hilfreich in einem Team zu arbeiten, in dem eine Person ständig mitschreibt – und zwar so, dass die Themen dabei nicht wieder abstrahiert und verwässert werden. Es ist wichtig, die Dinge so konkret wie möglich aufzuschreiben, um später passende Ideen finden zu können. »Glasscherben und Hundekacke auf dem Spielplatz« wird also nicht verallgemeinert zu »dreckiger Spielplatz«. Die Person, die visualisiert, hat die Aufgabe, der Moderation Hinweise zu geben, wenn Themen über die geredet werden, zu abstrakt bleiben. (»Was verstehen Sie unter mehr Ordnung? Was ist Ihnen konkret wichtig, wenn Sie sagen der Spielplatz müsste attraktiver werden?«) (Um mit der Dynamik, mit der die Themen auf solchen Veranstaltungen fallen, mithalten zu können, rate ich im übrigen davon ab die Themen zuerst auf Kärtchen zu schreiben, weil es zu viel Zeit kostet, diese dann in einem zweiten Schritt anzuheften.).


