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Stadtteilforen 2 (5)

3. Bürgerschaftliches Engagement

Bürgerschaftliches Engagement findet heute jeder gut. Es gibt kaum eine öffentliche Rede, in der es nicht beschworen wird. Das macht misstrauisch. Es besteht die Gefahr des Missbrauchs von BürgerInnen, der darin bestehen würde, sich ihrer zu bedienen, wenn es hilft, Geld zu sparen, ihnen aber ihre Inkompetenz und Ohnmacht vor Augen zu führen, wenn sie etwas fordern, was nicht vorgesehen und deshalb unbequem ist. Die Erfahrungen der engagierten BürgerInnen mit der Verwaltung– auch das muss man bedenken – sind eher schlecht. Sie wird immer noch als willkürlich, obrigkeitsstaatlich und mächtig erlebt, undurchschaubar in ihrem Zuständigkeits-Wirrwarr, unzugänglich für Wünsche nach umfassender Information, ignorant gegenüber den Wünschen nach Einflussnahme und Mitgestaltung.
Gerade das Bedürfnis nach Einflussnahme und Mitgestaltung aber prägt die neuen Formen Bürgerschaftlichen Engagements. Immer mehr BürgerInnen werden aktiv, um ihre Angelegenheiten selbstorganisiert, gemeinsam und öffentlich in die Hand zu nehmen. Dabei weist schon der Begriff »bürgerschaftlich« auf die bürgerrechtliche und politische Dimension des Begriffs hin.
Bürgerschaftliches Engagement in diesem Sinn braucht einen öffentlichen Raum, ein Forum, in dem bürgerschaftliche Fragen diskutiert, ausgehandelt und unterschiedliche Meinungen vertreten werden können.
Ein solcher Raum bietet auch die Möglichkeit, das Verhältnis von BürgerInnen und Verwaltung neu zu definieren – allein schon dadurch, dass hier VerwaltungsvertreterInnen eingeladen werden können, öffentlich Rede und Antwort stehen müssen und die BürgerInnen aus ihrer Bittsteller-Rolle entlassen werden. Dieser Rollenwechsel lohnt sich auch für die Verwaltung, angesichts der Tatsache, dass der Erfolg kommunalpolitischer Bemühungen in Zukunft entscheidend von der Verantwortungs- und Mitwirkungsbereitschaft der BürgerInnen abhängig sein wird.

Die Idee

Unsere Antwort auf diese Analyse war das Projekt »Stadtteilforen«, ein Versuch, einen Diskussions- und Handlungszusammenhang von Bürgerinnen und Bürgern in den Stadtteilen zu etablieren. Nach Rücksprache mit einigen KollegInnen wurde das Projekt im Mai 1995 in Bad Boll, einer kirchlichen Tagungsstätte, gestartet. Ca. 100 Einladungen waren verschickt worden, 50 TeilnehmerInnen kamen, überwiegend Personen aus dem professionell-sozialen Bereich, aber auch VertreterInnen von Kirche und Schule und »ganz normale BürgerInnen«. Vorgestellt wurde folgende Idee, die spontan zur Gründung des Stadtteilforums Lustnau führte.

Die Ziele der Stadtteilforen ergeben sich im Wesentlichen aus den oben genannten Wurzeln und Fragestellungen. Sie lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  • Initiierung von selbstorganisierten, bürgerschaftlichen Diskussions- und Handlungszusammenhängen im Stadtteil
  • Schaffung einer neuen Art von Öffentlichkeit im Stadtteil durch den Aufbau kontinuierlicher, »unpersönlicher« (Hannah Arendt), also öffentlicher Beziehungen
  • Ermöglichung einer neuen »Kultur des Sozialen« durch Austausch unterschiedlicher Meinungen, Erfahrungen und durch Kooperation (Zusammenlegung von Ressourcen)
  • Verbesserung der Kooperation zwischen Bürger/-innen und Verwaltung durch Kooperation, frühzeitige Information und Aufgabenteilung
  • Prüfung, ob Aufgaben, die derzeit ganz selbstverständlich die Kommune wahrnimmt, den BürgerInnen wieder zurückgegeben werden könnten, mit dem Ziel, deren Gestaltungs- und Handlungsspielraum zu vergrößern.

Zuschnitt der Stadtteilräume

Die von den Foren umfassten Stadtteilräume entsprechen nicht den planerisch ausgewiesenen Stadtvierteln, sondern stellen Identifikationsräume dar, in denen den Bürgerinnen und Bürgern diese Arbeit möglich und sinnvoll scheint. In der Größe variieren Sie zwischen Gebieten mit ca. 2.500 bis zu ca. 6.000 Einwohnern. In Tübingen gibt es derzeit 6 Stadtteilforen, von denen zwei im Osten, zwei im Süden, eins im Norden und eins im Westen der Stadt angesiedelt sind.

Einsatz von Stadtteilkoordinatorinnen/Mediatoren

Die Logik bürgerschaftlicher Problemwahrnehmung und Handlungsorientierung ist mit der Organisationslogik von Verwaltungen häufig nur schwer kompatibel. Zum Ersten steht das Prinzip der Lebensweltorientierung gegen das Prinzip der Fachzuständigkeit. Was BürgerInnen im Stadtteil beschäftigt, umfasst naturgemäß ihre gesamte Lebenswelt, die Infrastruktur jeder Art, Kultur, Soziales, Verkehr. Dieser Lebensweltorientierung von BürgerInnen steht nun eine Verwaltung gegenüber, die überwiegend nicht sozialräumlich, sondern eben fachlich orientiert ist – für jedes Problem mindestens ein anderer Ansprechpartner, bei komplexeren Problemen bringt man es leicht auf sieben Zuständige.

Zum Zweiten sieht die Verwaltung die Dinge – ob berechtigter oder unberechtigter Weise sei hier ganz offen gelassen – häufig anders als die betroffenen BürgerInnen. Oft ist sie in ihrem Handeln an politische Beschlüsse oder auch »die« Verwaltungsmeinung gebunden. BürgerInnen ihrerseits begegnen Angehörigen der Verwaltung häufig mit ausgeprägtem Misstrauen.

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