Gemeinwesenarbeit (GWA) - Stadtteilarbeit 2 (2)
Die Formen der Bewohneraktivierung sind vielfältig und werden jeweils situationsangemessen entwickelt. Sie reichen vom klassischen Einstieg durch eine Aktivierende Befragung über räumliche, auf Themen oder Zielgruppen bezogene Versammlungen, spezifische Einzelaktionen wie Stadtteilfeste, kulturelle Veranstaltungen oder Skandalisierungsaktionen bis hin zu regelmäßig tagenden Gruppen und Initiativen wie etwa Mieterbeiräten, Geschichtskreisen, Stadtteilorganisationen oder Bürger-Komitees. Darüber hinaus werden Zugangsmöglichkeiten über bestehende Gruppierungen genutzt, wie etwa Bürgervereine, Elternbeiräte, lokale Politikgremien, Pfarrgemeinderäte oder Presbyterien. Und selbstverständlich gibt es regelmäßig Befragungen, Haustürgespräche, vielfältige Gruppenaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit über Flugblätter, Unterschriftensammlungen oder Plakate bis zu Wettbewerben und Stadtteilkonferenzen. Als wenig hilfreich erweist sich dabei eine nach Rezepten heischende Einstellung, die sich häufig in der Frage äußert: »Wie aktiviert man eigentlich Menschen?« Denn es gibt nicht die gültige Regel, den immer funktionierenden Trick, das bewährte Setting oder das Aktivierungs-Feuerwerk aus dem Lehrbuch. »Mal so, mal so« lautet eine zentrale Devise in guten Projekten, und damit ist gemeint, dass es zwar einen Instrumentenkoffer gibt, in den man greifen kann, dessen Einsatz jedoch abhängig ist von den jeweiligen spezifischen Gegebenheiten im Wohnquartier, den oft widersprüchlichen und unberechenbaren Anforderungen der Situation, der Persönlichkeit und Kompetenz der Gemeinwesenarbeiter/innen und vielen anderen Rahmendaten, die nur situationsspezifisch zu beschreiben sind.
GWA ist nicht kurzfristig-technokratisch als Methode einsetzbar, da sie eines solide vorbereiteten und langfristig angelegten Prozesses bedarf. Dieser gründet auf konkreten Absprachen mit Anstellungsträgern (etwa Kommunalverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften, Freie Träger u.a.) sowie einer soliden Finanzierungsbasis, die auch bei unvermeidbaren (und manchmal auch notwendigen) Konflikten zwischen der aktivierten Wohnbevölkerung und anderen Instanzen (manchmal gar den Geldgebern der GWA) nicht in Frage gestellt werden darf. Ohnehin liegt GWA quer zu vielen Verfahren und Methoden der Bürgerbeteiligung, auch deshalb, weil sie bezahlter professioneller Akteure bedarf, deren Arbeit im Quartier eine Vielzahl von Bürgeraktivitäten anregt, die sich dann wiederum einzelner Methoden aus dem Bereich des Bürgerengagements bedienen.
GWA organisiert projekt- und themen-unspezifisch Prozesse in Wohnquartieren, und zwar über eine Vielzahl von Aktivierungsaktionen anhand direkt geäußerter (und durchaus häufig wechselnder) Interessen der Wohnbevölkerung mit dem Ziel einer »Grundmobilisierung« eines Wohnquartiers, die den »Humus« für größere Einzelprojekte bildet. Dies geschieht häufig im Rahmen eines kommunalen »Quartiermanagements«, bei dem die GWA eng kooperiert mit intermediären Akteuren und Gebietsbeauftragten innerhalb der Verwaltung. GWA ist also nicht gleichzusetzen mit Quartiermanagement, sondern ist ein tragendes Element in einem komplexen Konzept zur Gestaltung von Wohnquartieren, an dem auch andere Akteure (etwa Verwaltung, intermediäre Instanzen, Unternehmen usw.) mit anderen Methoden beteiligt sind.
Quartiermanagement umfasst die Arbeit auf folgenden Ebenen:
- GWA im Quartier: zur projekt-unspezifischen Aktivierung der Wohnbevölkerung, zur Begleitung von Gruppen und Initiativen, zur Vernetzung von formellen und informellen Ressourcen oder auch zur Leitung eines Stadtteilbüros - also klassische Tätigkeitsfelder der GWA
- Intermediäre Instanzen: als Bindeglied zwischen der Lebenswelt im Stadtteil und der nach Sektoren geordneten Bürokratie, Institutionen und Unternehmen zur Entwicklung spezifischer Einzelprojekte und zur systematischen Zusammenführung von Geld, Menschen, Bedarfen und Ideen. Intermediäre Instanzen sind zwischen Quartier und Bürokratie angesiedelt und bewegen sich in beiden Welten. Sie kennen sich aus in Politik und Verwaltung und verfügen über Sachkompetenz, etwa in den Bereichen Beschäftigungspolitik, Wohnungspolitik, Jugend- und Sozialhilfe sowie den laufenden Bemühungen zur Verwaltungsreform; sie sind aber auch präsent an den Treffpunkten im Stadtteil und in den Wohnungen der Menschen, sie organisieren immer wieder Dialoge (gelegentlich auch recht konflikthafte) innerhalb des Quartiers, zwischen Bewohnern und Bürokratie sowie auch innerhalb der Bürokratie.
- Gebietsbeauftragte innerhalb der Verwaltung: zur Bündelung der Ressourcen innerhalb der Kommunalverwaltung, etwa durch begrenzte Zugriffsmöglichkeiten auf andere Ressorts, aber auch zur Federführung über Einzelprojekte bis hin zum Management komplexerer längerfristiger Programme bezogen auf ein bestimmtes Wohngebiet.
Alisch, Monika (Hg.): Stadtteilmanagement. Voraussetzungen und Chancen für die soziale Arbeit, Opladen 2001/2
Hinte, Wolfgang/Karas, Fritz: Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit, Neuwied/Frankfurt a.M. 1989
Hinte, Wolfgang/Lüttringhaus, Maria/Oelschlägel, Dieter: Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit, Münster 2001
Ries, Heinz u.a. (Hg.): Hoffnung Gemeinwesen, Neuwied 1997.
Prof. Dr. Wolfgang Hinte
Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB)
Holzstr. 7-9
45141 Essen
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