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Gemeinwesenarbeit (GWA) - Stadtteilarbeit 1 (2)

Visuelles Protokoll (Copyright Reinhard Kuchenmüller): Im Vordergrund interviewt ein Mann eine Frau, im Hintergrund zwei Männchen bei Gesprächen an der Haustür

GWA als Arbeitsprinzip professioneller Sozialarbeit zielt auf die Verbesserung von Lebensbedingungen in benachteiligten Wohnquartieren unter tätiger Mithilfe der dortigen Wohnbevölkerung. Dies geschieht u.a. durch Aktionsformen wie Haustürgespräche, aktivierende Befragungen, Versammlungen, Öffentlichkeitsaktionen und die Begleitung von möglichst selbstständig arbeitenden Bewohnergruppen. Arbeitsfelder von Gemeinwesenarbeiter/innen sind Wohnquartiere unterschiedlicher Größe, in denen sie respektvoll nach Betroffenheit, Interessen und Ärgernissen der Menschen fragen und immer wieder Aktionen und Dialoge organisieren. In denen geht es darum, die zum Teil widerstreitenden Interessen in einem Quartier zu benennen, sie diskussionsfähig zu machen, die Menschen an einen Tisch zu bringen, ohne dass sie aufeinander einschlagen und zu Aktionen und Projekten zu ermutigen, die im Sinne möglichst vieler Menschen die Lebensbedingungen im Quartier verbessern. GWAler/innen lassen sich auf das Leben der Menschen ein, auf ihre Empfindungen, ihre Lebensdefinitionen, ihre Ängste und Handlungsmotive in ihrer ganzen Vielfalt, Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit.
GWA fußt auf folgenden methodischen Blickrichtungen und Prinzipien:

  1. Ansatz bei den geäußerten Interessen der Wohnbevölkerung: Die Fachkräfte denken nicht darüber nach, was die Menschen in einem Wohnquartier interessieren könnte, sondern fragen sie direkt: »Was interessiert euch?« Im Zentrum steht immer der Wille oder die Betroffenheit einzelner Menschen oder Gruppierungen.
  2. Unterstützung von Selbsthilfekräften und Eigeninitiative: GWAler/innen tun möglichst nichts ohne und vermeiden Aktionen für die Leute. Vielmehr denken sie mit ihnen darüber nach, was diese selbst zur Verbesserung ihrer Situation tun können und wenden sich erst in späteren Stadien mit betreuenden und programmorientierten Angeboten an die Wohnbevölkerung.
  3. Nutzung der Ressourcen
    a) der Menschen: GWA richtet ihr Augenmerk immer auf deren Stärken, die sich oft sogar in den vermeintlichen Defiziten abbilden.
    b) des Sozialraums: Räume, Nachbarschaften, Plätze, Natur, Straßen, aber auch die vorhandene Unternehmens- und Dienstleistungsstruktur sind bedeutsame Ressourcen, die man nutzen und durch kluge Vernetzung effektiver gestalten kann.
  4. Zielgruppenübergreifender Ansatz: GWA sucht nach Kristallisationspunkten für Aktivitäten, an denen sich möglichst viele Bürger/innen beteiligen können. Dabei sind zielgruppenspezifische Aktionen nicht ausgeschlossen, aber die geschehen dann im Kontext anderer Aktivitäten, die nicht eine bestimmte Zielgruppe stigmatisierend vorab definieren.
  5. Bereichsübergreifender Ansatz: GWA nutzt die Kompetenzen anderer Sektoren und sucht nach Anknüpfungspunkten für integrative Projekte.
  6. Kooperation und Koordination der sozialen Dienste: Über vielfältige Foren (»Vernetzung«) werden im Wohnquartier tätige (professionelle und ehrenamtliche) Akteure aus verschiedenen Bereichen angeregt, Absprachen zu treffen und Kooperationen mit Blick auf Einzelfälle, Gruppierungen und Aktionen zu planen und gemeinsame Projekte zu entwickeln und durchzuführen.

Zunächst geht es darum, herauszufinden, in welchen Bereichen die Menschen ohnehin schon aktiv sind: etwa über Themen im Stadtteil, die die Menschen beschäftigen, über die sie sich aufregen, über die sie sich freuen, die »im Gespräch« sind oder die Volksseele zum Kochen bringen. Die Erfahrung in zahlreichen Projekten zeigt, dass Menschen sich am ehesten um Kristallisationspunkte und Themen herum organisieren, die mit Betroffenheit oder Neugierde besetzt, naheliegend, anschaulich, greifbar und erfolgversprechend sind. Diese Themen liegen nur selten auf der Straße, häufiger sind sie verborgen, gelegentlich nur relevant für kleinere lokale Einheiten oder bestimmte Bevölkerungsgruppen, sie werden nicht immer eindeutig benannt und konturieren sich bisweilen erst im Laufe zahlreicher Gespräche oder anderer Zugangsformen. Auf dieser Grundlage wird gemeinsam mit den Menschen ein Wohngebiet gestaltet, das von ihnen selbst als unzumutbar, einengend oder anregungsarm empfunden wird. Dass Menschen dabei eine Menge lernen, sich verändern, sich persönlich weiterentwickeln und ihr Verhaltensrepertoire erweitern, ist erfreulich; es handelt sich jedoch in der GWA nicht um gesteuerte Prozesse, die dazu dienen, Menschen erzieherisch zu verändern, sondern um vielschichtige Interventionen zur Gestaltung von Wohnquartieren – mit der dort lebenden Bevölkerung. Genau hier liegen auch die Grenzen des Ansatzes: Er lebt geradezu von aktionsbereiten, entrüsteten, neugierigen oder engagierten Menschen, und er geht ins Leere in Wohnquartieren mit einem hohen Anteil demoralisierter Menschen, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben oder ohnehin nur darauf warten, möglichst schnell das Quartier zu verlassen.

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