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Community Organizing 1 (3)

Visuelles Protokoll (Copyright Reinhard Kuchenmüller): Männchen bauen gemeinsam einen Turm aus Klötzchen

Power durch Community Organizing – Das Organisieren von Bürgerengagement auf breiter Basis – kann man das in den USA lernen?

Community Organizing (CO) ist Organisationsarbeit in Stadtteilen, Städten oder Regionen. Durch den Aufbau einer Beziehungskultur und durch gemeinsames Handeln tragen Bürger zur Lösung von Problemen in ihrem Umfeld bei. Organizing ist zutiefst den Prinzipien von Demokratie und Selbstbestimmung verpflich­tet.
Community Organizing ist nicht einfach der amerikanische Begriff für das, was in Deutschland Bürgerinitiative genannt wird. Im Organisationsansatz bestehen grundlegende und lehrreiche Unterschiede.

  • Bürgerinitiativen in Deutschland erschöpfen sich oft in einem Thema: in der Abwehr einer zu befürchtenden Änderung. Ihr Motor ist ein punktuell notwendiger Protest durch Einwohner, durch Betroffene. Sie enden mit Erfolg oder Misser­folg einer Aktion.
  • Community Organizing ist auf Dauerhaftigkeit angelegt. Es gibt genügend Fragen, die einer öffentlichen, wertebegründeten Einmischung bedürfen. Im CO geht es nicht so sehr um Abwehr, sondern um positive Veränderungen und um die Fähigkeit, diese herbeizuführen. Ihre Organisatoren wissen: Durchsetzungsfähigkeit bedarf eines breiten Bündnisses von Menschen aus vielen unterschiedlichen Gruppen und Organisationen, wie zum Beispiel Kir­chengemeinden, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, lokalen Institutionen und Verbänden. Deshalb startet CO nicht mit der Besetzung eines öffentlichen Streitthemas, sondern mit dem Aufbau vertrauensvoller Beziehungen, die zu Handlungsfähigkeit führen.

Beziehung – Aktion – mehr Beziehung – erfolgreichere Aktion …

Eine neue Organisation beginnt daher zunächst mit vielen Einzelgesprächen. Daraus ergeben sich Hinweise auf Missstände, auf Änderungswürdiges, das besser gemeinsam angegangen wird. Eine neue Organisation geht mit ihrer ersten Aktion einen kleinen, überschaubaren Konflikt an, den sie sicher gewinnen wird. Das bringt Ansehen und neue Beziehungen. Die Denkfigur dieser sozial-kapitalen Bewegung ist: Beziehung ermöglicht erfolgreiche Aktion, die wiederum mehr und bessere Beziehungen fördert, die dann erfolgreichere und größere Aktionen erlauben. So kommt Power in die Bewegung, zu deutsch: »Macht!« Was damit gemeint ist, formuliert Saul D. Alinskys, Begründer, erster Theoretiker des CO und selbst ein höchst erfolgreicher Organisator, so: »Der einzige Zweck einer Organisation ist Macht«, denn »Macht ist die körperliche, geistige und moralische Fähigkeit zu handeln.«
In den USA ist die Arbeitsweise des Community Organizing in vielen Großstädten seit über einem halben Jahrhundert erfolgreich.

Das 4-Augen-Gespräch, die »Geheimwaffe des CO«

Der erste Schritt eines Organizing-Projektes: Andere direkt ansprechen...

Am Anfang eines neuen Organizing-Projektes ist eine Fülle von Einzelgesprächen zu führen, in denen es um die persönliche Beziehung, um die persönlichen Sichtweisen der Beteiligten und Betroffenen geht. Die Eigeninteressen, die Motivation und die Problemsicht der beteiligten Bürger treten in den Vordergrund. »Organisieren ist das aktive Ausgra­ben der Geschichte eines Menschen, die gemeinsame Untersuchung der Bedeutung der Geschichte und die Gelegenheit, für die persönliche und gemeinsame Geschichte einen neuen Schluss zu schreiben«, so formuliert Larry McNeil diesen Aspekt.
Vorrangige Aufgabe und wesentliche Quali­tät dieser Phase ist Beziehungsarbeit, ist das Ausfindigmachen von sich engagierenden Bürgern und die Wei­terentwicklung ihrer Fähigkeiten. Diese »Schlüsselpersonen« leiten die Organisation und bestimmen deren Ziele. Die Organisation gibt bei ihrer Gründung selbst kein inhaltliches Programm vor. Die Or­ganisation stellt gewissermaßen den Rahmen für ein selbstbestimmtes gemeinsames Handeln.
Für ein erstes Beziehungsgespräch sollten 30–60 Minuten eingeplant werden, es findet bevorzugt unter vier Augen statt und am Ende sollten beide Teilneh­mer voneinander wissen, was Ihnen wichtig ist, was sie bewegt. Das Gespräch endet mit der Frage: »Mit welchem Menschen sollte ich ein ähnliches Gespräch führen?«
Zum Berufsbild eines »Organizers« kann es gehören, 20 oder 30 solcher Gespräche pro Woche zu führen. Da es sich dabei nicht nur um eine Technik, sondern – dies wird betont – um eine Kunst handelt, wird ausführlich mit den ehrenamtlichen Führungspersonen trainiert.
Menschen, die andere Menschen dazu bringen können mitzumachen und dabei zu bleiben, haben im CO ein höheres Ansehen, als solche, die öffentlich gut reden können.

Empfehlungen für erfolgreiche Organisation

Breite Basis ermöglicht taktische Erfolge

Eine »Community« Organisation wird durch die Beteiligung vieler Menschen mit vielfältigem Hintergrund gebildet, die oft zusammen mit schon bestehenden Or­ganisationen in das neue Bündnis kommen. Bewusst werden Men­schen unterschiedlichster Herkunft und Interessen angesprochen. Veränderungen bedürfen eines breiten Konsenses. Keine einzelne Mitgliedsorganisation soll die Arbeit dominieren können. Als Organisation des »dritten Sektors« tritt sie eigen­ständig und selbstbewusst gegenüber Markt und Staat (den beiden anderen Sektoren) auf. Sie handelt und verhandelt mit der Phantasie und Kreativität, aber auch mit dem Durchsetzungsvermögen, das aus der breiten Basis entsteht.

Breites Themenspektrum ist Voraussetzung für Bündnisfähigkeit

Eine »Community« Organisation zeichnet aus, dass sie an wechselnden, von den Mitgliedern in vielen Einzelgesprächen und Gruppentreffen bestimmten Themen arbeitet. Sie kümmert sich um den konkreten Teil eines Problems, aus dem sich ein Erfolg versprechender Aktionszusammenhang ergibt. Tragender Impuls der Kooperation bleibt das Selbstinteresse der Mitglieder, das durchaus so gewendet werden kann: »Helft ihr uns bei dieser Aktion, helfen wir euch bei einer folgenden, die euch wichtig ist.«

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